Nicolai Sennels "Gefährliche Integrationsmythen"

09 März 2009

Von Nicolai Sennels, Psychologe, Kopenhagen Original:Jyllands Posten Übersetzung: Sven Larsson

Die vielen Integrationsmythen sind ein ernstes Problem für die Sozialarbeit. Integrationsprobleme sind eine tickende Zeitbombe für unsere Wohlfahrtsgesellschaft. Ein Teil der Lösung ist es, mehr zu wissen: Gute Sozialarbeit hängt von genügend Informationen ab, schreibt Nicolai Sennels.

In meinem Beruf als Psychologe in der Gemeinde Kopenhagen hatte ich mehr als 150 Immigranten, Flüchtlinge und ihre Nachkommen mit muslimischem Hintergrund in Behandlung. Hier gebe ich nun einen Überblick über Integrationsprobleme, wie sie aussehen, wenn man mit Einwanderern spricht statt über sie. Während Einwandererkriminalität, islamische Parallelgesellschaften und islamischer Extremismus einen immer größer werdenden negativen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben, hängen die städtischen Bemühungen auf diesem Gebiet in einem Netz aus Mythen über Einwandererkriminalität, Extremismus und sozialen Einsatz fest.
Der erste Mythos ist, dass es keine Unterschiede zwischen Einwanderern gibt. Selbstverständlich gibt es sie: Menschen aus unterschiedlichen Kulturen brauchen unterschiedliche Arten von Unterstützung, wenn sie Probleme haben. Es liegen Welten dazwischen, was z.B. ein Japaner, ein Somalier oder ein Amerikaner braucht, wenn er Schwierigkeiten hat oder macht. Wir müssen auf die kulturellen Unterschiede eingehen, die unsere Einwanderer mitbringen.

Meine eigene therapeutische Erfahrung mit jungen Moslems ist, dass es ihnen extrem schwer fällt, traditionelle dänische Pädagogik und Therapie zu verstehen. Dänische Jugendliche sind zu einem viel größeren Teil damit aufgewachsen, „über die Dinge zu reden“ und zu reflektieren, wie sie über etwas fühlen. Muslime hingegen wachsen in einer Kultur mit klaren äußeren Autoritäten auf (vor allem der Vater, die Tradition und der Islam), in der die Konsequenzen schnell und direkt sind, wenn die Erwartungen der Familie nicht erfüllt werden. Sie sind innerhalb eines festen Rahmens aufgewachsen, und Pädagogen-Sprache erreicht bei dieser Gruppe nicht viel.
Der zweite Mythos ist, dass Einwandererkriminalität durch soziale Probleme verursacht wird, und dass der kulturelle Hintergrund in diesem Zusammenhang keine Rolle spielt. Auch hier stimmt das Vorurteil nicht mit der Wirklichkeit überein: Meine Erfahrung nach hunderten von psychologischen Gesprächen mit muslimischen Einwanderern ist, dass die islamische Kultur eine große Akzeptanz in Bezug auf Aggression hat.

Während ein unkontrollierter Wutausbruch in der dänischen Kultur die schnellste Art ist, sein Gesicht zu verlieren, ist es bei den Muslimen genau umgekehrt. Die Bereitschaft sich zu rächen wird in der muslimischen Kultur als ein Ausdruck von Stärke angesehen, und Zorn ist in muslimischen Kreisen viel mehr sozial akzeptiert. Aggressives Verhalten wird als ein soziales Mittel angesehen, um „Respekt“ zu bekommen (nicht nur Furcht), und auch Status.

Die dramatische und destruktive Art, mit der Palästinenser ihre Wut über die Situation in Gaza zum Ausdruck bringen, die Aufrufe der Imame zum „Heiligen Zorn“, Familienhinrichtungen (auch genannt „Ehrenmorde“) und gewalttätige Demonstrationen als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen sind alles Beispiele, wie aggressives Verhalten in muslimischen Kulturen als sozial akzeptable Ausdrucksform angesehen wird.

Die Tatsache, dass muslimische Einwanderer und ihre Nachkommen doppelt bis dreimal so viele gewaltsame Verbrechen begehen wie ethnische Dänen wird auch zum Teil hierdurch bedingt. Also, ja: Die Kultur von Einwanderern ist ein wichtiger Bestandteil von Einwandererkriminalität.
Der dritte Mythos ist, dass es religiösen Extremismus nur in kleinen Kreisen gibt. Das ist ein schwerer Irrtum. Beinahe jeder einzelne Moslem, den ich in Behandlung hatte, nahm seine bzw. ihre religiöse Tradition sehr ernst. Trotz der Tatsache, dass die meisten nicht den Worten des Korans folgen, ist ihre muslimische Identität außerordentlich stark. Die Mohammed-Karikaturen, die Versuche, Demokratie in der islamischen Welt zu etablieren, und der Druck der Behörden nach einer Integration in die dänische Gesellschaft haben eine starke Abneigung gegenüber westlichen Werten erzeugt.

Besonders „wurzellose“ junge Muslime fühlen sich von extremistischen Kreisen angezogen, weil sie dort ein Gefühl von Sinn und Bedeutung bekommen, im Leben und auch im Tod, womit kein „soziales Projekt“ mithalten kann. Außerdem ist Religiosität eine Quelle von Status in muslimischen Kreisen – eine starke Religiosität bedeutet hohen Status. Eine hingebungsvolle religiöse Praxis und die Fähigkeit, Verschwörungstheorien über die Schuld des Westens an den schrecklichen Zuständen ihrer islamischen Heimatländer hervorzubringen, sind effektive Quellen sozialer Anerkennung in den muslimischen Teilen unserer Gesellschaft.

Diese Erfahrungen aus meiner Arbeit in den muslimischen Teilen unserer Gesellschaft stimmen komplett überein mit vergleichbaren Untersuchungen außerhalb Dänemarks: 32 Prozent der muslimischen Universitätsstudenten in England halten Töten im Namen der Religion für gerechtfertigt, und 54 Prozent der französischen Moslems glauben, dass die Sharia (islamisches Recht) weltweit angewendet werden sollte.

In Deutschland sehen sich nur 12 Prozent der Muslime als „Deutsche“ und ganze 6 Prozent werden als „extrem radikal“ bezeichnet, die „als gewaltaffin im Sinne einer Akzeptanz massiver Formen politisch-religiös motivierter Gewalt zu kennzeichnen sind.“ 6 Prozent klingt vielleicht nicht viel, aber wenn wir die Zahl auf die geschätzten 220.000 Muslime in Dänemark übertragen entspricht das 13.600 islamischen Extremisten. (bei 3 Millionen Muslimen in Deutschland sind das 180.000 Extremisten – Anm. d. Übers.)
Der vierte Mythos ist, dass kulturelle und religiöse Faktoren für die häufig schlechte soziale und wirtschaftliche Situation von Einwanderern keine Rolle spielen. Die Theorie lautet für gewöhnlich, dass Einwanderer arm sind aus Gründen, die außerhalb ihres Einflusses liegen, und dass diese Armut die Ursache für ihr dysfunktionales Verhalten ist.

Der Zusammenhang zwischen Armut und sozialen Problemen ist eindeutig, aber die Dinge sind bei weitem nicht so schwarz und weiß wie es zum Beispiel vom Sozialbürgermeister von Kopenhagen, Mikkel Warming (Einheitsliste, Dänemarks antikapitalistisch-linke Partei), behauptet wird. Denn was kommt zuerst, die Henne oder das Ei? Werden soziale Schwierigkeiten durch Armut verursacht, oder sind soziale Schwierigkeiten die Ursache für Armut?

Wie die Zeitung Jyllands Posten am 19. Dezember 2008 berichtete, belegen Einwanderer aus islamischen Ländern und ihre Nachkommen die ersten acht Plätze in der Liste der Ursprungsländer von Kriminellen – nachdem Alter und soziale Umstände ausgeklammert wurden. Solche Statistiken sollten Warming und seinesgleichen beschämen.
Aber was genau an der islamischen Kultur ist die Ursache dafür, dass es Menschen mit diesem Hintergrund wirtschaftlich so schlecht geht?

Nach hunderten psychologischer Gespräche mit Muslimen über ihr Familienleben hier in Dänemark ist es klar, dass die wichtigste Ursache von Armut in diesen Kreisen das Fehlen der Wertschätzung von Bildung ist.

Immigranten könnten ihre Kinder in der Schule und Hochschule deutlich mehr unterstützen. Außerdem ist es meine Erfahrung und die von vielen Kollegen, dass Kindern von muslimischen Einwanderern das Verständnis für die dänische Pädagogik in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen fehlt, und dass dies ein weiteres Hindernis für ihre weitere Karriere darstellt.

Das traurige Ergebnis ist, dass 64 Prozent der arabischstämmigen Kinder ungenügende Lese- und Schreibkenntnisse haben, wenn sie (nach 9 Jahren) die öffentliche Schule verlassen, und dass ein Drittel von ihnen keine weitere Bildung erhält. In einer Wissensgesellschaft wie in Dänemark, in der Bildung eine Voraussetzung für einen anständigen Lohn ist, wird die wirtschaftliche Lage einer Familie eng, wenn auf Bildung keinen Wert gelegt wird.

Die Tatsache, dass bis zu einer von vier Moslems zwischen 20 und 29 Jahren allein im Jahr 2008 strafrechtlich verurteilt wurde, trägt nicht zur Arbeitsmarkttauglichkeit bei. Wer soziale Probleme verursacht und sich weigert, sich an die sozialen Anforderungen einer Gesellschaft anzupassen, wird arm. Nicht umgekehrt.

Die vielen Integrationsmythen sind leider ein schweres Hindernis in der Sozialarbeit auf diesem Gebiet. Wenn 70 Prozent der Einsassen der Sicherheitseinrichtung Sønderbro einen muslimischen Hintergrund haben, wenn der Gewerkschaftsbund LO vor der Ausbreitung von Ghettos warnt, und wenn die Nationalbank schätzt, dass Einwanderer aus nichtwestlichen Staaten die dänische Gesellschaft jährlich 23 Milliarden Kronen (3 Milliarden Euro) kosten, dann ist es nicht übertrieben, die Integrationsprobleme eine tickende Bombe unter unserer Wohlfahrtsgesellschaft zu nennen.

Ein Teil der Lösung ist es, sich mehr Wissen auf diesem Gebiet anzueignen: Gute Sozialarbeit hängt von genügend Informationen ab. Wir brauchen konkrete Untersuchungen über die Einstellungen verschiedener Einwanderergruppen gegenüber Extremismus, Demokratie, Integration, Bildung und Beteiligung am Arbeitsmarkt.

Meine eigene Erfahrung durch hunderte von Therapiegesprächen ist leider, dass wir eine große Gruppe von Einwanderern haben, die sich nicht integrieren wollen und überzeugte Gegner von demokratischen und humanistischen Idealen sind.

Der Kampf über die Ursachen der gescheiterten Integration findet bereits statt. Die Behauptungen, der Staat setze ungenügend Geld dafür ein und die Gemeinden würden das Geld nicht angemessen verwenden sind genau das – Behauptungen.

Nachdem ich jahrelang für die größte öffentliche soziale Einrichtung Dänemarks gearbeitet habe, bin ich fest davon überzeugt: Es sind unsere Lokalpolitiker, die die Verantwortung tragen, die praktischen Integrationsbemühungen im Land zu gestalten.

Die Politik in vielen dänischen Gemeinden hat Unterstüzung und neue Gelegenheiten angeboten, während nur die Polizei und das Rechtssystem Grenzen gesetzt und die Folgen von schlechtem Verhalten gezeigt haben. Diese Arbeitsteilung könnte deutlich besser sein.

Nicolai Sennels ist Autor des Buches „Unter kriminellen Muslimen. Erfahrungen eines Psychologen in Kopenhagen.“ (Blandt kriminelle muslimer. En psykologs erfaringer fra Københavns Kommune) Sein offener Umgang mit diesem Thema zwang ihn schließlich, seine Position aufzugeben.


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