Flemming Rose "Ideologien haben keine Schutzrechte"

DIE WELT - 01 April 2008 - Von Mit Flemming Rose sprach Clemens Bomsdorf
 Flemming Rose "Ideologien haben keine Schutzrechte"

Flemming Rose, Kulturchef der dänischen Zeitung "Jyllands- Posten", über Mohammed- Karikaturen und Kritik am Islam

Im Herbst 2005 hatte Flemming Rose (50), Kulturchef der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", dänische Karikaturisten gebeten, Zeichnungen des Propheten Mohammed anzufertigen und dafür mit ihrem Namen zu stehen. Zuvor hatte ein dänischer Verleger verkündet, dass er Probleme habe, für sein Buch über den Islam einen Illustrator zu finden.

Aus Angst wollten diese anonym bleiben, hieß es. Die Veröffentlichung der Zeichnungen löste die sogenannte Mohammed-Krise aus: Weltweit protestierten Muslime gegen die Publikation, dabei kam es auch zu gewalttätigen Ausschreitungen mit Toten. Der Zeichner Kurt Westergaard steht nach diversen Morddrohungen unter Polizeischutz.

DIE WELT:

Welche Reaktionen haben Sie nach der Veröffentlichung des islamkritischen Films des Niederländers Geert Wilders erwartet?

Flemming Rose:

Während der Mohammed-Krise haben wir eins gelernt: Es ist nicht vorhersehbar, was passiert, und es hat viel mit den Umständen zu tun. Damals sind Imame aus Dänemark in den Nahen Osten gereist, um dort Fehlinformationen über die Verhältnisse, in denen Muslime hier leben, zu verbreiten. Islamgelehrte vor Ort haben mobilisiert, die Zeichnungen auch innenpolitisch genutzt. So wurde beispielsweise im November 2005 in Ägypten gewählt - damals trat Mubarak gegen die Muslimbruderschaft an, und er wollte zeigen, dass er die muslimischen Interessen verteidigt. Was ich sagen will: Andere Umstände waren damals wichtiger als die Tatsache, wer sich für die Zeichnungen entschuldigt.

Es könnte also ruhig bleiben?

Rose:

Ja, weil die Länder im Nahen Osten Interesse daran haben. Es ist vonseiten einer europäischen Regierung versucht worden, den Film zu zensieren, bevor er überhaupt gezeigt wurde. Die Regierungen im Nahen Osten werden nun sagen "Okay, ihr habt auf uns gehört und kritisiert die Leute, die den Islam provozieren. Deshalb wird es diesmal ruhig bleiben." Sie haben die Macht bekommen, die sie wollten, und können das nun demonstrieren, indem sie dafür sorgen, dass es ruhig bleibt.

Gegen eine Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen oder eines Films wie des von Geert Wilders gibt es aber auch bedenkenswerte Argumente: Regimen wie dem im Iran liefern sie Vorlagen, um westliche Regierungen als intolerant dastehen zu lassen und die Bevölkerung gegen den Westen aufzubringen.

Rose:

Ob das wirklich so ist, wissen wir nicht. Vielleicht werden die Mohammed-Zeichnungen in 100 Jahren in einem Freiheitsmuseum in Ägypten oder anderswo in der muslimischen Welt zu sehen sein. Konflikt und Konfrontation sind nicht immer etwas Negatives. Viele große Krisen haben zu etwas Positivem geführt.

Setzt sich der Film ernsthaft mit dem Islam auseinander?

Rose:

Wilders ist Politiker, es sieht so aus, als nutze er den Film auch als Politiker und populistisch. Meiner Meinung nach vereinfacht der Film, er generalisiert. Wenn man einen Film über den Islam und Muslime machen will, müssen mehr Stimmen gehört werden. Aber die Stimmen und Szenen, die im Film vorkommen, sind echte. Die Leute, die gezeigt werden, haben wirklich gesagt, dass sie Nichtgläubige töten wollen. Aber es braucht mehr Nuancen, um das Thema abzudecken. Wilders zeigt konkrete Probleme, Gewalttaten, die mit Verweis auf den Koran begangen wurden. Es wird gezeigt, dass Theo van Gogh, untreue Frauen und Homosexuelle ermordet wurden. Das alles ist geschehen. Problematisch ist, dass er generalisiert. So zeigt er, wie die Zahl der Muslime in Europa gestiegen ist. Wenn nur ein Typ Muslime in dem Film gezeigt wird, dann entsteht der Eindruck, alle Muslime, die nach Europa kommen, entsprächen diesem Typ. Ich würde sagen, der Film erinnert ein wenig an Michael Moores Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11", der allerdings professioneller und humoristischer ist. Vielleicht liegt Letzteres daran, dass es einfacher ist, sich über Bush lustig zu machen.

Was ist schlimm daran, wenn jemand einen Film wie den von Wilders nicht zeigen will?

Rose:

Als ich im Herbst 2005 Zeichner anfragte, ob sie Mohammed-Karikaturen anfertigen würden, bekam ich auch die Antwort von einem, der das nicht machen wollte, weil er meinte, das könne religiöse Gefühle verletzen. Solch eine Haltung respektiere ich natürlich. Das ist keine Selbstzensur. Selbstzensur ist dann der Fall, wenn sich jemand sagt "Ich würde das Bild gerne veröffentlichen, habe aber Angst vor den Reaktionen."

Warum ist es also Ihrer Meinung nach wichtig, dass genau diese Karikaturen oder eben genau dieser Film öffentlich wird?

Rose:

Ich habe als Student und dann als Korrespondent in der Sowjetunion gelebt. Bei dem, was unter der Mohammed-Krise geschah und auch jetzt wieder passiert, kann ich Muster von damals wiedererkennen. Damals war die Kritik an der sowjetischen Lebensweise, am Marxismus-Leninismus kriminalisiert. Heute soll die Islamkritik verboten werden. Ideologien haben aber keine Schutzrechte, sie sind da, um kritisiert zu werden. Menschen haben Rechte, nicht aber Ideen. Diejenigen, die sagen, man solle nicht kränken, oder die Kränkung religiöser Gefühle verbieten wollen, verstehen nicht, dass ihre Argumente im Nahen Osten gebraucht werden, um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen.

In welcher Weise?

Rose:

In Ägypten sitzt ein Blogger im Gefängnis, angeblich, weil er den Islam gekränkt hat, aber in Wirklichkeit wegen Regimekritik. In Afghanistan ist ein Journalist zum Tode verurteilt worden, weil er Material hatte, das Kritisches zur Frauensicht des Propheten beinhaltete. Die Gesetze werden gebraucht, um Andersdenkende zu kriminalisieren. Diejenigen, die Kränkungen kriminalisiert sehen möchten, haben viel Macht. Sie können andere beeinflussen. Es gibt so viele Beispiele von Selbstzensur in Verbindung mit dem Islam. Zuletzt wurde die Ausstellung der dänischen Künstlergruppe Surrend in Berlin geschlossen, weil Gewalt befürchtet wurde. Die Meinungsfreiheit ist bedroht, und mich wundert, dass viele das nicht sehen.


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