Islamischer Jihad und die Doktrin der Abrogation

08 März 2014
 Islamischer Jihad und die Doktrin der Abrogation

Islamic Jihad and the Doctrin of Abrogation, Frontpage Magazine, Von Raymond Ibrahim Übersetzt von Europenews

Während sich andere heilige Schriften durchaus an der ein oder anderen Stelle widersprechen, ist der Koran das einzige Heilige Buch, dessen Kommentatoren eine Doktrin entwickelt haben, um die allzu augenfälligen Wechsel zu erklären, die in der ein oder anderen Anordnung auftauchen.

Sorgfältige Leser des Korans sind sich darüber bewusst, dass es sehr viele Verse sind, die einander widersprechen. Friedliche und tolerante Verse liegen Seite an Seite mit gewalttätigen und intoleranten Versen. So war die Ulema [islamischer Rat der Gelehrten] anfangs verblüfft, welche Verse man als Kodifizierung der schariatischen Weltsicht nehmen sollte, diejenigen, die sagen, es gebe keinen Zwang im Glauben (2:256), oder diejenigen, die den Gläubigen befehlen alle Nichtmuslime zu bekämpfen, bis sie entweder konvertieren oder sich zumindest dem Islam unterwerfen (8:39, 9:5, 9:29).

Um dieses Dilemma zu lösen, haben die Kommentatoren die Doktrin der Abrogation entwickelt, die im Grunde genommen bedeutet, dass Verse, die zu einem späteren Zeitpunkt in Mohammeds Karriere offenbart wurden, den Vorrang haben vor früheren Versen, wenn es einen Unterschied geben sollte. Um zu dokumentieren welche Verse abrogiert [also überschrieben] wurden, entstand eine religionswissenschaftliche Richtung, die sich mit der Chronologie der Verse des Korans beschäftigt. Sie heißt an-Nasikh wa'l Mansukh, der Abrogierer und das Abrogierte.

Aber warum gibt es diese Widersprüche? Die Standardantwort darauf lautet, dass in den frühen Jahren des Islams Mohammed und seine Anhänger im Mekka in solch geringer Zahl unter den Ungläubigen lebten, dass die Botschaft von Frieden und Koexistenz völlig in Ordnung war. Aber nachdem die Muslime im Jahr 622 nach Medina gezogen waren [Hijra] wuchs ihre militärische Stärke, und langsam aber sicher wurden Verse offenbart, die sie dazu antrieben in die Offensive zu gehen.

In juristischen Texten werden sie in verschiedene Stufen eingeteilt: Passivität gegenüber Aggression, die Erlaubnis gegen Angreifer zu kämpfen, Befehle Angreifer zu bekämpfen, Befehle alle Nichtmuslime zu bekämpfen, ob sie eine Aggression begangen haben oder nicht [1]. Die wachsende muslimische Macht ist die einzige Variable, die diesen progressiven Wechsel in der Politik erklären kann.

Andere Gelehrte geben eine zuckersüße Erklärung, indem sie sagen, dass über einen Zeitraum von 22 Jahren der Koran stückweise offenbart wurde, von den passiven und spirituellen Versen hin zu den Rechtsvorschriften und Anordnungen, um den Glauben durch Jihad und Eroberung zu verbreiten, einfach um die frühen muslimischen Konvertiten langsam an die Pflichten des Islams zu gewöhnen, damit sie nicht von den dramatischeren Pflichten abgeschreckt werden, die in den späteren Versen stehen. [2]

Verse, die gegen Ende von Mohammeds Karriere offenbart wurden – wie zum Beispiel "der Kampf ist euch vorgeschrieben auch wenn ihr ihn hasst" [3] – wäre völlig außerhalb des Zusammenhangs, wenn Kriegsführung ausgeschlossen wäre.

Wie auch immer man es interpretiert, die Standardansicht über die Abrogation im Islam in Bezug auf Kriegs- und Friedensverse ist, dass die Muslime, als sie schwach und in einer Minderheitenposition waren, sich im Sinne der mekkanischen Verse verhalten und predigen sollen (Frieden und Toleranz), aber wenn sie stark sind, sollten sie in die Offensive gehen auf Grund dessen was in den medinensischen Versen befohlen wird (Krieg und Eroberung).

Die Wechselfälle innerhalb der islamischen Geschichte sind ein Zeugnis für diese Dichotomie, die am besten dargestellt wird auf eine populäre Weise, basierend auf den Hadith, dass der Jihad, wenn es möglich sei, mit der Hand durchgeführt wird (Gewalt), wenn nicht, dann mit der Zunge (predigen) und wenn dies nicht möglich sein sollte, dann mit dem Herzen oder mit den Absichten des Einzelnen. [4]

Natürlich legitimiert der Islam während eines Kriegs die Täuschung, das erstaunt eher nicht. Der elisabethanische Schriftsteller John Lyly schrieb einst "Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt." [5] Auch andere nichtmuslimische Philosophen und Strategen wie Sun Tzu, Machiavelli oder Thomas Hobbes, rechtfertigen Täuschung als Mittel der Kriegsführung. Die Täuschung des Feindes ist also vernünftig. Der grundlegende Unterschied im Islam ist jedoch, dass der Krieg gegen die Ungläubigen eine andauernde Angelegenheit ist – bis, in den Worten des Korans, "alles Chaos verschwindet und alle Religionen dem einen Gott gehören." [6]

In der Encyclopaedia of Islam stellt Emile Tyan folgends fest: "Die Pflicht des Jihad existiert so lange wie die universlle Dominanz der Islam nicht erreicht ist. Frieden mit nichtmuslimischen Nationen ist daher nur ein provisorischer Zustand, nur die aktuellen Gegebenheiten allein können ihn zeitweise rechtfertigen."[7]

Darüber hinaus, um auf die Doktrin der Abrogation zurückzukommen, stimmen muslimische Gelehrte wir Ibn Salama (gest. 1020) darin überein, dass der Koranvers 9:5 auch bekannt als ayat as sayf, oder Schwertvers, rund 124 der eher friedlichen mekkanischen Verse abrogiert hat, einschließlich "jeden anderen Vers im Koran, der weniger als die totale Offensive gegen Ungläubige befiehlt oder beinhaltet." [8] In der Tat, alle vier Schulen der sunnitischen Rechtswissenschaft stimmen darin überein, dass "Jihad bedeutet, wenn Muslime Krieg gegen Ungläubige führen, nachdem sie dazu aufgerufen wurden den Islam anzunehmen, oder zumindest den Tribut [Jizya] zu zahlen und in Unterwerfung zu leben, und die Ungläubigen sich weigern."[9]

Der Befehl zum Jihad wird am besten durch die dichotomische Weltsicht des Islams ausgedrückt, die die Welt des Islams gegen die Welt des Krieges in Stellung bringt. Ersteres, das dar-al-Islam, ist das "Haus der Unterwerfung", die Welt in der die Scharia regiert. Das zweite ist das dar-al-Harb (das Haus des Kriegs), die nicht-islamische Welt. Der Kampf geht so lange bis das Haus des Islams die nicht-islamische Welt aufgesogen hat – eine andauernde Angelegenheit, die bis zum heutigen Tag andauert. Der bekannte muslimische Historiker und Philosoph Iban Khaldoun (gest. 1406) benannte diese Teilung klar und deutlich.

In der muslimischen Gemeinschaft ist der Jihad eine religiöse Pflicht, wegen des Alleinanspruchs der muslimischen Mission und die Pflicht jeden zum Islam zu konvertieren, entweder indem man ihn überredet, oder mit Gewalt. Die anderen religiösen Gruppierungen haben keinen solchen Alleinanspruch und der Jihad war nie eine religiöse Pflicht für sie, außer zum Zwecke der Verteidigung. Aber der Islam hat die Pflicht Macht über andere Nationen zu erringen. [10]

Anmerkungen:   [1] Ibn Qayyim, Tafsir, in Abd al-’Aziz bin Nasir al-Jalil, At-Tarbiya al-Jihadiya fi Daw’ al-Kitab wa ‘s-Sunna (Riyahd: n.p., 2003), S. 36-43. [2] Mukaram, At-Taqiyya fi ’l-Islam, S. 20. [3] Koran 2: 216. [4] Yahya bin Sharaf ad-Din an-Nawawi, An-Nawawi’s Forty Hadiths, S. 16, Zugriff 1. August 2009. [5] John Lyly, Euphues: The Anatomy of Wit (London, 1578), S. 236. [6] Koran 8:39. [7] Emile Tyan, The Encyclopedia of Islam (Leiden: Brill, 1960), Bd. 2, s.v. "Djihad,” S. 538-40. [8] David Bukay, "Peace or Jihad? Abrogation in Islam,” Middle East Quarterly, Herbst 2007, S. 3-11, 58; David S. Powers, "The Exegetical Genre nasikh al-Qur’an wa-mansukhuhu,” in Approaches to the History of the Interpretation of the Qur’an, Andrew Rippin, ed. (Oxford: Clarendon Press, 1988), S. 130-1. [9] Jalil, At-Tarbiya al-Jihadiya fi Daw’ al-Kitab wa ‘ s-Sunna, S. 7. [10] Ibn Khaldun, The Muqadimmah. An Introduction to History, Franz Rosenthal, trans. (New York: Pantheon, 1958), Band. 1, S. 473. (weiterlesen...)

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