"Muslime pro Homoehe" Wirklich?

07 März 2013

Der Humanistische Pressedienst 7 März 2013

Durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in Bezug auf das Adoptionsrecht homosexueller Paare ist die schwarz-gelbe Koalition in Zugzwang geraten

Die FDP, die immerhin 10 Jahre lang vom Schwulen Guido Westerwelle geführt wurde, kann sich mit dem Urteil gut arrangieren. Die CDU jedoch ist sich unsicher, wohin die Reise gehen soll. Der konservative Parteiflügel um den Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder zeigt sich nur wenig begeistert, Finanzminister Wolfgang Schäuble ist kompromissbereit.

Die CDU ist in der Frage gespalten, man kann jedoch vermuten, dass sie sich schon in wenigen Jahren den neuen gesellschaftlichen Realitäten anpassen wird. Viele ihrer einstigen Kernpositionen hat sie während der Kanzlerschaft Angela Merkels aufgegeben.

Und so wirkt es nicht völlig abwegig, wenn die deutschen Medien nun berichten, auch "Muslime" hätten sich für die volle Gleichberechtigung homosexueller Paare ausgesprochen. Tatsächlich gab der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat im Gespräch mit der BILD zu Protokoll: "Wir sind für volle Gleichstellung von Schwulen und Lesben." Laut Medienberichten repräsentiere Kolats Verein etwa drei Millionen Menschen – das wären etwa so viele, wie es Türken in Deutschland gibt. Diese Aussage gibt allerdings nur das Selbstverständnis der TGD wieder. Die Anzahl der Personen, die sich vollumfänglich durch Kolat vertreten sehen, dürfte die 100.000 kaum übertreffen.

Zeigt nun dieser Vorstoß, dass Muslime in Deutschland toleranter geworden sind? Homophobe Äußerungen aus radikalen Moscheegemeinden und Umfrageergebnisse legen eher das Gegenteil nahe. Wahrscheinlicher ist, dass Kolats Position als Dankeschön an die SPD zu verstehen ist, die sich in der kommenden innenpolitischen Debatte mit der CDU gestärkt sehen kann. Offiziell ist die TGD parteipolitisch unabhängig, traditionell sind die Beziehungen zu den Sozialdemokraten aber gut.

Kolat wurde 2011, als sich die SPD eine Migrantenquote in Führungsgremien verordnete, in den Bundesvorstand der Partei gewählt. Seine Frau Dilek hat im Senat des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit das Amt für Arbeit, Frauen und Integration inne. Der vorherige Vorsitzende der TGD, Hakki Keskin, war der erste türkischstämmige Landtagsabgeordnete in Deutschland. 2005 trat er jedoch wie viele andere Genossen auch aus der SPD aus und saß eine Legislaturperiode lang für die Linkspartei im Deutschen Bundestag.

Kolat fiel nie durch besonders fundamentalistische Positionen auf. Zwar forderte er jüngst die Einführung eines islamischen Feiertages in Deutschland, doch dürfte er sich der Ausweglosigkeit dieses Vorschlags bewusst gewesen sein. Zu anderen Anlässen zeigte er sich ungleich säkularer. Beim Besuch einer Ausstellung in Berlin, die den Islam satirisch aufs Korn nahm, verteidigte Kolat die Kunstfreiheit, genauso sprach er sich gegen die Bemühungen muslimischer Eltern aus, ihre Töchter vom gemeinsamen Sport- und Schwimmunterricht mit deutschen Schülern fernzuhalten. Sein Vorgänger Keskin hatte sich kritisch gegenüber dem Tragen des Kopftuchs im öffentlichen Dienst, also z.B. durch Lehrerinnen gezeigt. (weiterlesen...)

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