60.000 Aleviten leben in Österreich Jetzt streben sie die Anerkennung als eigene Religionsgemeinschaft an

Wiener Zeitung - 08 April 2009 - Von Stefan Beig

"Wir sind waschechte Muslime" Aleviten haben keine Moscheen und keine Scharia. Als Religion in der Türkei unterdrückt. Kommt islamische Abspaltung?

Wien. "Im Islam gibt es verschiedene Richtungen; niemandem ist es gestattet, eine Religion allein zu vertreten", sagt Kazim Gülfirat, Obmann der Wiener Aleviten. Am 23. März hat sein Verein beim Kultusamt einen Antrag für eine "Islamische-Alevitische Glaubensgemeinschaft" eingereicht.

Bisher wurden die Aleviten zu den etwa 500.000 Muslimen in Österreich (exakte Zahlen fehlen) dazugezählt und somit von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) vertreten. Das dürfte sich jetzt ändern. Vor allem unter Türken, aber auch unter Kurden befinden sich zahlreiche Aleviten. Viele halten sich für Muslime, andere nicht.

Die Aleviten haben keine Moscheen, Imame oder Kopftücher für Frauen. Das Alevitentum hat einen eigenen Jahreskalender mit eigenen Festen, der islamische Fastenmonat Ramadan fällt ebenso weg wie die "Hadsch" (Pilgerreise nach Mekka). Von einer Scharia – dem islamischen Recht – wollen die Aleviten nichts wissen, dafür betonen sie die Trennung von Staat und Religion. Auch die Sunna – die Überlieferung der Handlungen Mohammeds – hat für sie keine Bedeutung.

Verbindet da noch etwas mit dem Islam?

"Wir sind waschechte Muslime", sagt Birol Kilic, Herausgeber der österreichischen Monatszeitung "Yeni Vatan Gazetesi" in türkischer Sprache. "Nur wenn die Aleviten den Fundamentalismus im Nahen Osten sehen, dann identifizieren sich nicht damit. Aber ich bin überzeugter Muslim." Auch die Aleviten stützen sich auf den Koran, dabei betrachten sie ihn als Glaubensgrundlage, nicht als Gesetzbuch.

Die Führungsspitze der Föderation der Aleviten-Gemeinden in Österreich, des Dachverbands aller Vereine, sieht das anders: In Kürze soll beim Kultusamt ein zweiter Antrag für eine eigene Bekenntnisgemeinschaft vorliegen, der freilich das Wort "islamisch" weglässt. "Wir unterstreichen unsere Beziehung zum Islam", betont Deniz Karabulut, stellvertretender Vorsitzender der Föderation. "Das Alevitentum ist aber eine eigene Religion." Mit den übrigen islamischen Richtungen teile es nicht einmal die fünf Säulen (Glaubensbekenntnis, Gebet, Pilgerfahrt nach Mekka, Fasten, Almosensteuer).

Riza Sari, Obmann der Wiener Aleviten, sieht die Meinungsverschiedenheiten gelassen. "Juristisch wurden zwei verschiedene Strategien eingeschlagen. Da es schon eine Glaubensgemeinschaft gibt, die sich ,islamisch‘ nennt, wird unser Antrag vom Kultusamt vermutlich zuerst abgelehnt werden. Der Weg der Föderation könnte allerdings auch noch länger dauern." Derzeit muss sich jede angehende Religionsgemeinschaft in Österreich zehn Jahre lang mit dem Status als Bekenntnisgemeinschaft – einer Art privilegiertem Verein, der keine Körperschaft öffentlichen Rechts ist – abfinden.

Österreich: Probleme durch das Islamgesetz

Der unklare Status der Aleviten in Österreich geht auf eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs im Jahr 1988 zurück. Damals wurde das Islamgesetz, das davor nur den hanefitischen Ritus (eine der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam) anerkannt hatte, auf alle Muslime ausgeweitet. Die Unterschiede zwischen Sunniten, Schiiten und Aleviten blieben dabei unberücksichtigt. De facto waren die Aleviten nie wirklich vertreten: In den Statuten der IGGiÖ sind Cem-Häuser (Orte, in denen das religiöse Ritual der Aleviten stattfindet) nicht vorgesehen. Und die quotenfreie Aufenthaltsgenehmigung für Imame ist für die Aleviten bedeutungslos.

Die Rechtslage in Österreich hat auch Auswirkungen in der Praxis: So melden sich etwa alle Aleviten vom Islamunterricht ab. Deniz Karabulut erzählt, dass er – mehr aus Interesse – ein halbes Jahr lang den islamischen Religionsunterricht besuchte: "Als ich dann im Fastenmonat Ramadan meine Jause auspackte, machte mir der Lehrer zuerst Vorwürfe. Als er erfuhr, dass ich Alevit bin, versuchte er mich von der Richtigkeit ,seines‘ Islam zu überzeugen." In Deutschland gibt es mittlerweile in mehreren großen Städten – darunter Berlin, Köln, Wuppertal und Duisburg – auch eigenen alevitischen Religionsunterricht.

Mit den gängigen islamischen Riten vergleichbar ist bei den Aleviten die Bestattung der Toten, bei der die Körper der Toten gewaschen, in Tücher gehüllt und auf eine Bahre gelegt werden. Die Anwesenden rezitieren dabei aus dem Koran, danach wird der Verstorbene auf der Seite liegend in die Grube gesenkt, die Augen in Richtung Mekka. Um am islamischen Friedhof in Österreich begraben zu werden, müssen sich die Aleviten zurzeit noch an die IGGiÖ wenden. Da es auch in Deutschland nur vereinzelt islamische Friedhöfe gibt, lassen sich viele Aleviten in ihrer Heimat bestatten.

Unter den türkischen Gastarbeitern, die in den 1960er Jahren nach Österreich kamen, waren etliche Aleviten. Soziale Gründe und die politische Unterdrückung förderten die Auswanderung. Geschätzte 60.000 Aleviten leben heute in Österreich, fast die Hälfte davon in Wien. In der EU sind etwa 20 Prozent der Türken Aleviten, 600.000 leben in Deutschland.

Das folgenreiche "Sivas-Massaker"

Die Organisation der Aleviten in Europa wurde durch ihre Unterdrückung in der Türkei beschleunigt. "Die Anschläge gegen Aleviten geschahen immer nach dem Freitagsgebet", berichtet Ertük Maral, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Wiener Aleviten. Besonders nach dem "Sivas-Massaker" im Jahr 1993 "sprangen alevitische Vereine in Europa wie Pilze aus dem Boden", erzählt Karabulut.

In der türkischen Stadt Sivas fand im Sommer 1993 ein alevitisches Kulturfestival zu Ehren des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal in einem Hotel statt. An besagtem Freitag wurde von einer aufgebrachten Menschenmenge ein Brandanschlag auf das Hotel verübt, bei dem 35 Menschen starben, darunter prominente alevitische Künstler und Intellektuelle. Einzelne Polizisten unterstützten die panische Masse, das Militär kam nicht zu Hilfe.

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