Alt-Abt Henckel-Donnersmarck "Islam ist kein Grund zur Angst"

Wiener Zeitung - 19 Juni 2011 - Von Stefan Beig

Am Samstag spricht Alt-Abt Gregor Henckel-Donnersmarck vom Stift Heiligenkreuz in einer Wiener Moschee "Islam ist kein Grund zur Angst" Alt-Abt Henckel-Donnersmarck hält Schweizer Minarett-Votum für irrational. Der Alt-Abt nimmt an einer Tagung zur Islamophobie teil. Den Relativismus hält er für gefährlich.

"Wiener Zeitung": Hat in den letzten zehn Jahren das Interesse der Katholiken an Muslimen zugenommen?

Gregor Henckel-Donnersmarck: Die Zahl der Muslime in Europa ist gewachsen. Das hat zu einem größeren Interesse geführt, und sicherlich auch das traurige Ereignis des 11. Septembers 2001 und die Situation im Orient. Faktum ist, dass der Islam heute wichtiger Dialogpartner der Kirche ist.

Bei all den islamkritischen Beiträgen in Internet-Foren hat man den Eindruck, dass bei Katholiken die Angst vor dem Islam zunimmt.

Angst ist kein guter Ratgeber. Manche schauen mit Besorgnis auf die Muslime, weil sie sich fragen, wie gut sie sich integrieren werden. Ich sehe aus christlicher Sicht vor allem zwei wesentliche Anliegen: Erstens sollten sich Muslime und Christen gemeinsam gegen einen diktatorischen, atheistischen Relativismus stellen. Hier besteht eine Bundesgenossenschaft.

Zweitens hat die von den Medien völlig missverstandene Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. die Wichtigkeit hervorgehoben, die Religion mit der Vernunft in Übereinkunft zu bringen. Wir haben in Europa mit der Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Religion eine Erfahrung von 500 Jahren. Muslime und Christen könnten sich gegenseitig bei der Öffnung für Vernunft und Moderne helfen.

Zur Islamophobie: Eine Phobie ist natürlich zu vermeiden. Es muss aber erlaubt sein, Themen kritisch zu hinterfragen.

Welche Themen meinen Sie?

Es gibt Äußerungen von beachtlichen muslimischen Persönlichkeiten, die erklären, dass die Muslime, sobald sie in der Mehrheit sind, das islamische Recht einführen könnten. Hier liegt ein Missverständnis von Demokratie vor. Demokratie bedeutet die Anerkennung möglichst vieler Werte. Das beinhaltet auch den Schutz ethnischer und religiöser Minderheiten. Keineswegs bedeutet es aber die Diktatur der Mehrheit über die Minderheit.

Zurzeit stoßen die Muslime als Minderheit auf Widerstand, etwa beim Bau von Moscheen mit Minarett.

Ich kämpfe für das Recht aller auf Religionsausübung. Prinzipiell ist dieses Recht in der westlichen Gesellschaft gegeben, auch wenn es irrationale Rückschläge gibt wie das Minarett-Votum in der Schweiz. Schon Papst Johannes Paul II. hat sich dafür starkgemacht, dass es – wenn von Muslimen gewünscht – eine Moschee in Rom geben soll. Gleichzeitig ermutigte er die Muslime, sich in eine demokratisch pluralistische Gesellschaft einzufügen.

Das Recht auf freie Religionsausübung soll übrigens auch Christen in Vorderen Orient eingeräumt werden, in Saudi-Arabien etwa und in Pakistan.

Worin sehen Sie den "diktatorischen Relativismus"?

Muslime wie Christen beunruhigt am meisten ein Missverständnis von Freiheit, das mit naturwissenschaftlichem Anspruch Gott leugnet. Der Papst betont dagegen die Offenheit der Religion gegenüber der Vernunft und nicht einen religiösen Mystizismus. Gleichzeitig braucht auch die Welt der Wissenschaft die Korrektur durch die Religion, und zwar für jene Werte, die durch die Naturwissenschaft nicht greifbar sind. Zur Gesamtwirklichkeit gehören eben auch die Werte religiöser Überzeugung. Der religiös indifferente Staat hat übrigens die Verpflichtung, die Religion zu fördern. Er selbst hat nämlich ein Interesse daran, dass Menschen Werte haben und sich in die Demokratie damit einbringen.

Meinen Sie, Christen könnten wegen der Erfahrung der Neuzeit Muslimen helfen?

Ich möchte nicht, dass wir uns als die Lehrmeister aufspielen. Wir als Christen hatten auch unser Problem mit der Trennung von Kirche und Staat. Tatsächlich ist sie aber sinnvoll, weil die Politik der Religion dadurch ihren Platz lässt, ohne sie zu missbrauchen.

Könnten Muslime in der Öffnung der Kirche für die Moderne eine Schwächung sehen, wenn man sich die vielen Kirchenaustritte ansieht?

In Europa spricht man von der Krise der Kirche, aber weltweit nimmt das Christentum zu. Nicht die Kirche hat eine Krise, sondern Europa. Weltweit beschreitet die Kirche einen Erfolgsweg. Überall gibt es Priesterberufungen, die Kirche wird beneidet – teils auch kritisiert und verfolgt. Der atheistische Relativismus, der im Konsum die einzige Befriedigung findet, ist Ursache der Probleme in Europa.

Macht einigen Katholiken die wachsende Zahl von Muslimen in Europa Angst?

Der Papst hat Vertreter des Islam zum gemeinsamen Friedensgebet in Assisi eingeladen – ganz angstfrei. Die Angst in Europa wird nach meiner Beobachtung vor allem von politischen Kräften geschürt. Wenn Muslime hier ihren Glauben gut leben, ist das kein Grund zur Angst. Dass sich die Europäer durch ihr demographisches Verhalten in den Suizid gestürzt haben, ist ihr Problem. Ich glaube, die Europäer haben eher Angst vor sich selbst, weil sie langfristig keine Chance haben, wenn sie so weitermachen. Ich möchte allerdings betonen, dass nicht alle Einwanderer Muslime sind. Es gibt bei uns viele Philippiner oder Nigerianer. Im Stift Heiligenkreuz wohnt etwa eine christliche Familie aus dem Irak, die auch die Erfahrung mit Muslimen zu leben mitbringt.

Ein positiver Austausch zwischen Christen und Muslimen ist möglich?

Den gab es schon im Hochmittelalter. Von den islamischen Philosophen Avicenna und Avoerres wurde uns die griechische Philosophie vermittelt. Wesentlich für die Zukunft scheint mir die Achtung der Religionsfreiheit, der Schutz des Lebens und ein Verständnis von Demokratie als Anerkennung möglichst vieler positiver Werte.

information@stift-heiligenkreuz.at

Die Tagung "Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene" beginnt am Samstag um 9 Uhr

Ort: Islamischen Zentrum, Am Bruckhaufen 31, Wien-Floridsdorf

http://www.rpp2011.org

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