Bonn und sein islamistisches Milieu

17 November 2010

kopten ohne grenzen 17 November 2010

Wie entstehen die Netzwerke radikaler Islamisten in Deutschland, wie etablieren und verändern sie sich? Beobachtungen in der kleinen Stadt am Rhein

Bonn, ausgerechnet Bonn. Solange sie Regierungssitz war, wurde die kleine Stadt am Rhein immer ein bisschen belächelt. Jetzt taucht sie wieder in den Nachrichten auf. Aber diese Nachrichten klingen gar nicht mehr provinziell. Mehr als ein halbes Dutzend Videobotschaften haben Al-Kaida und andere islamistische Terrororganisationen in den vergangenen Monaten veröffentlicht, in denen Männer ihrer Heimat Deutschland mit Anschlägen drohen. Sie sprechen Deutsch: "Unsere Atombombe, sie heißt Autobombe. Jeder Muslim kann sie sein". Und sie stammen auffällig oft aus Bonn.

Zwei Mal hat Bekkay H. in diesem Jahr bereits per Video zum Glaubenskrieg aufgerufen. Drei Botschaften sind von den Brüdern C. bekannt geworden. Es ist kein Zufall, dass diese Dschihadisten aus einer Stadt kommen, die bislang nicht ganz oben auf der Liste der Sicherheitsbehörden rangierte. Am Beispiel Bonn lässt sich exemplarisch erzählen, wie islamistische Netzwerke in Deutschland entstehen, wie sie sich etablieren und verändern.

Die Kessenicher Brüder:

"Höflich" und "hilfsbereit" seien Yassin, 24, und Mounir C., 27, sagt eine Nachbarin im Stadtteil Kessenich. Junge Männer, die einer Rentnerin schon mal die Einkaufstasche hochtragen. Die Eltern der Brüder äußern sich selbst nicht. Vermutlich verstehen sie nicht – ähnlich wie die Sicherheitsbehörden –, warum gerade diese Geschwister ihr Leben für Allah opfern wollen. Denn die beiden Brüder lebten ein sehr deutsches Leben, bis es sie in den Dschihad zog. Yassin und Mounir schienen gut integriert, Söhne einer intakten Familie mit Spitzengardinen an den Fenstern der Vierzimmerwohnung. Sie gingen aufs Gymnasium, spielten Fußball bei Fortuna Bonn und Blau-Weiß Oedekoven. Sie galten als beliebt, sogar als Spaßvögel. Mounir arbeitete als Bürosachbearbeiter drei Jahre lang beim Statistischen Bundesamt. Yassin leistete wie sein Bruder Wehrdienst. Jetzt sagt er als "Abu Ibrahim" in einem der Videos: "Wir genießen es, im Fadenkreuz der Amerikaner, im Kugelhagel der Nato zu stehen".

Die Moschee:

Ein islamistisches Netzwerk ist kein Verein, wie ihn das deutsche Vereinsrecht kennt, mit geregelter Mitgliedschaft, Vorstand und Jahresbericht. Es ruht vielmehr auf Bekanntschaften, auf direkten und indirekten Kontakten, es funktioniert über Mittelsmänner, über das Internet. Über Begegnungen in Moscheen, Vereinen oder in Hinterzimmern. So war es etwa in Hamburg, wo sich in der Al-Quds-Moschee die Attentäter des 11. September versammelten. In Bonn gilt die Al-Muhsinin-Moschee am Schwarzen Weg als Treffpunkt. Sie ist eines von 30 Gebetshäusern, die der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen beobachtet. In die Moschee sind auch die Brüder Yassin und Mounir C. regelmäßig gegangen, bevor sie sich auf die Reise nach Wasiristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, machten. Hierhin kam auch Bekkay H., der erste Deutsche, der Anfang des Jahres in einem Video offiziell für Al-Qaida warb. Zufall, sagen Muslime am Schwarzen Weg: "Wir können doch niemandem, der hierherkommt, in den Kopf schauen".

Hunderte Gläubige zieht es zum Freitagsgebet in die schmale Straße im Stadtteil Beuel, in der sich der zweistöckige, schlichte Bau versteckt. Unten in dem Gebäude befindet sich eine Küche, groß genug, um Hochzeitsfeiern zu versorgen, dazu eine umfangreiche Bibliothek. Oben beten die Gläubigen, zumeist Marokkaner. Muhsinin bedeutet: "die, die Gutes tun". Wer den Vorstand des Arabischen Kulturvereins nach einem Gesprächspartner fragt, bekommt einen jungen Mann, etwa 40, vorgestellt. "Die Muslime", sagt dieser, "werden zu Unrecht in die Ecke gedrängt." Er spricht von Gerüchten, die dazu dienten, "uns alles in die Schuhe zu schieben". Und er beharrt auch auf Nachfrage auf einer abenteuerlichen Verschwörungstheorie: "Es ist längst bewiesen, dass der 11. September kein Anschlag war. Sondern nur eine Sprengung".

Der Prediger:

Das Gespräch an der Wohnungstür im Bonner Süden ist kurz. "Wie würden Sie sich selbst beschreiben"? "Man schreibt über mich, ich sei ein Dschihadist – das ist völliger Unsinn". "Sind Sie ein Fundamentalist"? "Was ist das, ein Fundamentalist"?

Der Mann in Fleecejacke, Trainingshose und Schlappen ist Mohamed B. Deutsche Sicherheitsbehörden halten den Familienvater für einen der einflussreichsten radikalen Prediger in Deutschland. Eine Schlüsselfigur: B., so heißt es, kennt sowohl Bekkay H., den Al-Kaida-Extremisten, wie auch Eric B., einen Kämpfer aus dem Umfeld der "Sauerland-Gruppe", die derzeit in Düsseldorf vor Gericht stehen. Fundamentalistische Netzwerke brauchen ein bestimmtes Milieu, um sich zu entwickeln. Dazu gehören charismatische Führer, Prediger etwa, oder Veteranen, die Respekt genießen. Und Rekrutierer, die über Kontakte im Ausland verfügen. Prediger B. gilt als Salafist, als Einpeitscher eines kompromisslosen Islams, der von Verfassungsschutzbehörden als besonders gefährlich angesehen wird, weil er mit seinem vereinfachten Weltbild den Nachwuchs begeistern kann. Wir, die Gutes tun. Gegen die anderen, Ungläubige, Christen, Juden und "verweichlichte" Muslime – die Bösen. B. ist einer der Gründe, warum Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Bonn neben Berlin, Hamburg, Braunschweig und Ulm/Neu-Ulm mittlerweile zu einem "der fünf oder sechs wichtigsten Zentren der Salafisten in Deutschland" zählt.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen B. und neun andere wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ihnen werden die Verbreitung volksverhetzender Schriften und die "Anwerbung zu einem fremden Wehrdienst", also zur Ausbildung in Trainingscamps der Islamisten, vorgeworfen. Gemeinsam mit dem Leipziger Imam Hassan D. veranstaltet Mohamed B. seit Jahren sogenannte Islam-Seminare. Dreitägige "Fortbildungen" in einem hessischen Feriendorf etwa, bei denen sich wie zuletzt Mitte April mehrere Hundert Muslime zu Fußball und Tischtennis treffen – und, fast nebenbei, indoktriniert werden.

Junge Araber und erstaunlich viele Konvertiten dürfen hier ganz nah bei Predigern sein, die sie oft schon aus dem Internet kennen. Man sitzt in lockerer Runde in Turnhallen und lauscht den Verheißungen von "Abul Baraa" oder "Abu Bakr". Die Grundlage ihrer Predigten lässt sich in einem Büchlein nachlesen, das B. übersetzt hat und vertreibt. In der "Glaubenslehre der sunnitischen Gemeinschaft" heißt es etwa, wer behaupte, es könne neben dem Islam andere Religionen geben, sei ein Ungläubiger, der bereuen müsse. Wenn er das nicht tue, müsse er "als ein Abtrünniger, als ein sogenannter Murtad, hingerichtet werden".

Solche Sätze sind noch kein direkter Aufruf, Anschläge zu begehen. Doch wer das Gedankengut verinnerlicht, kann schnell zum Gewalttäter werden. Zumal in dieser Szene Männer aktiv sind, die gezielt junge Muslime für den Dschihad rekrutieren. Auch der Prediger B. soll so ein "Talentsucher" sein. Insgesamt haben sich laut Bundesinnenministerium mittlerweile 140 junge Männer aus Deutschland in Trainingscamps ausbilden lassen. Im Bonner Süden weist der Mann mit dem eindrucksvollen Bart alle Vorwürfe von sich. Bevor er die Wohnungstür schließt, sagt er: "Sehen Sie, ich bin einfach nur ein Muslim, ein praktizierender Muslim".

Die Kämpfer:

Propaganda verbreiten, Angst säen, und vor allem: Kämpfer rekrutieren. Es ist dieser Dreiklang, der alle Videobotschaften aus Wasiristan prägt, die auf Zuschauer in Deutschland zielen. Nicht jedes Video bedeutet eine konkrete Anschlagsgefahr. Wohl aber fürchten die Sicherheitsbehörden, dass ein neues Video, tausendfach im Internet betrachtet, als eine Art "Türöffner" (BKA-Präsident Jörg Ziercke) dient und neue, junge Extremisten dazu motivieren kann, in den Kampf zu ziehen.

So wie vor zwei Jahren Bekkay H., der in Bonn nur ein paar Straßen vom Haus des Predigers B. entfernt wohnte. Sein Familienname steht noch auf dem Klingelschild am Eingang des Mehrfamilienhauses. Im ersten Stock, in zwei Zimmern für 380 Euro Miete, lebte "Abu Talha" bis Frühjahr 2007. Der Student der Lasertechnik und Mathematik gilt als Fachmann für Anschlagsplanungen in Wasiristan und soll Karriere bis in den "Mittelbau" von al-Qaida gemacht haben. "Seit 1993 ist es mein Ziel, mich in die Luft zu sprengen. Doch vorher muss ich meine Mission erfüllen", sagt H. in einem der Videos.

Der gebürtige Marokkaner, gegen den die Bundesanwaltschaft ermittelt, soll erst in einer Moschee und dann in Islam-Seminaren wie jenen von Mohamed B. radikalisiert worden sein. Bekkay H. kennt den Prediger. Das Netzwerk bietet bisweilen neben geistiger Anleitung auch ganz praktische Hilfe. So lebt in Bekkay H.s ehemaliger Zweizimmerwohnung heute ein Mann, den der Verfassungsschutz seit Langem beobachtet: Abdirazak B. Er wird zu den sogenannten Gefährdern gerechnet – gewaltbereiten Männern, die den Behörden als potenzielle Attentäter gelten.

Der 23-Jährige ist einer von zwei Extremisten, die Polizeibeamte in einer aufsehenerregenden Aktion im vergangenen Herbst auf dem Flughafen Köln/Bonn aus einer startbereiten KLM-Maschine holten. Die Männer wollten angeblich über Uganda nach Somalia oder Pakistan reisen – um Anschläge zu begehen? Im nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzbericht heißt es über B.: "Bekannt sind Kontakte in einschlägige islamistische Kreise in Deutschland." Auch er kennt den Prediger B. gut.

Die "wahre Schule des Islams": Warum ausgerechnet Bonn? Ibrahim Almusnad reicht Tee und Baklava zum Gespräch auf dem grünen Sofa in der König-Fahd-Akademie. Hinter dem Schreibtisch des Schulleiters hängen Porträts von Mitgliedern des saudischen Königshauses. "Unsere Schule ist keine Quelle der Gewalt", sagt der weltgewandt auftretende Direktor. Almusnad spricht selbst an, was er "die Vorfälle" nennt. 2003 machte die Akademie Schlagzeilen, als Reporter aufdeckten, dass dort Radikale Hass predigten. Die Schule, zu deren Eröffnung 1995 der damalige Außenminister Klaus Kinkel (FDP) kam, stand vor der Schließung. Heute besuchen statt einstmals 500 noch 160 Schüler die Klassen eins bis zwölf – absolutes Minimum für einen ordentlichen Betrieb. Durfte die Schule früher selbst bestimmen, wen sie aufnimmt, entscheidet darüber heute das Regierungspräsidium. Und die Beamten gehen rigide vor, als wollten sie die Akademie austrocknen. "Unsere Absolventen sind Ingenieure, Ärzte, aber auch Handwerker oder Taxifahrer geworden", berichtet Almusnad. Ob darunter auch Islamisten sind, ist bislang nicht bekannt. Es heißt aber, Al-Qaida-Kämpfer H. habe "im Umfeld" der Schule verkehrt.

Auch wenn in der Fahd-Akademie mittlerweile tatsächlich kein radikales Gedankengut mehr verbreitet wird, stellt sie doch weiter einen Anziehungspunkt für Extremisten dar, die ihre Kinder auf eine Art "wahre Schule des Islams" schicken wollen. So sind aus Ulm Islamisten, die der Verfassungsschutz beobachtet, nach Bonn gezogen, weil sie ihre Kinder auf der Akademie unterrichten lassen wollen. Direktor Almusnad sagt dazu nur: "Die Kinder sind nicht verantwortlich für die Ansichten und Taten ihrer Eltern." Darauf festlegen, dass es an seiner Schule nicht in nennenswerter Zahl Extremisten gibt, möchte sich der Schulleiter nicht.

Insgesamt leben in Bonn 30.000 Menschen muslimischen Glaubens, etwa neun Prozent der Einwohner. Zur Extremistenszene gehören nach Schätzungen vielleicht 20 Personen. Offizielle Angaben gibt es nicht. Die Ungenauigkeit hat auch damit zu tun, dass derartige Netzwerke keine starren Gefüge sind, dass sie sich ständig verändern. Sie reagieren auf Druck von außen, auf Ermittlungen oder Geheimdienstoperationen. "Diese Netzwerke", sagt ein nordrhein-westfälischer Verfassungsschützer, "sind wie Amöben: Sie entwickeln sich, sie teilen sich – und entstehen anderswo neu". {Quelle: www.zeit.de} (...)

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