Das Schweigen um die ermordeten Christen in Ägypten

AudiaturOnline - 13 April 2017 - Von Stefan Frank
Das Schweigen um die ermordeten Christen in Ägypten ei islamistischen Anschlägen am Palmsonntag auf zwei koptische Kirchen in Ägypten wurden am 9. April 2017 mindestens 40 Menschen getötet und über 120 Personen verletzt.

Mehr als 40 christliche Gottesdienstbesucher wurden am Palmsonntag in Ägypten bei islamistischen Terroranschlägen auf zwei Kirchen in Tanta am Nildelta und in Alexandria getötet. Die Massaker wurden in den Nachrichten zwar erwähnt, doch die Berichterstattung war im Vergleich zu anderen Anschlägen kurz, oberflächlich und wurde rasch von anderen Meldungen verdrängt.

Woran liegt das? Ist Mitgefühl eine begrenzte Ressource? Einiges spricht leider dafür. Nehmen wir den U-Bahn-Anschlag von Sankt Petersburg (der, kaum eine Woche später, auch schon fast wieder vergessen ist). Danach fragten viele in Berlin: Warum wird das Brandenburger Tor nicht in den Farben der russischen Nationalflagge angeleuchtet? Für die, die es nicht wissen: Es ist inzwischen ein Brauch, nach den Anschlägen, die Dschihadisten in aller Welt regelmässig verüben, die Fahne des Landes, in welchem der Terrorakt stattfand, auf das Brandenburger Tor zu projizieren: die französische, die belgische, die türkische, die britische usw. Nach einem der zahlreichen Anschläge in Jerusalem wurde das Brandenburger Tor kürzlich sogar für viele überraschend mit der israelischen Flagge angestrahlt.

Zudem wurde nach dem Massaker von Orlando die Regenbogenfahne der Homosexuellenbewegung und nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt der Berliner Bär gewählt. Vielleicht gibt es in Berlin schon die Planstelle des Trauerbeleuchtungstechnikers und einen eigenen Etat. Dann wird es nicht mehr vorkommen, dass es „Schwierigkeiten“ gibt, „einen geeigneten Projektor“ zu leihen, wie es nach dem Anschlag von Orlando nach Angaben eines Senatssprechers der Fall war. Zumindest gibt es einen offiziellen Leitfaden, der erklärt, für wen geleuchtet wird und für wen nicht. Nur für Partnerstädte, heisst es darin. Das kann offensichtlich nicht stimmen, denn Beobachter wiesen schnell darauf hin, dass auch Jerusalem und Orlando keine Partnerstädte Berlins seien.

Die Wahrheit ist so simpel, dass sie sich jeder selbst erklären kann, aber so unangenehm, dass Offizielle sich nicht trauen, sie auszusprechen: Es werden heutzutage einfach viel zu viele Terroranschläge verübt, Tag für Tag, Woche für Woche. Würde dann jedes Mal das Brandenburger Tor in den entsprechenden Farben angestrahlt, würde dieses schnell zu einem reinen Mahnmahl für die Opfer von Terroristen. Das wäre vielleicht gar keine schlechte Sache, ist politisch aber offenbar nicht gewollt.

Mitgefühl oder Egoismus?

Man muss sich also, damit das Trauern nicht jeden einzelnen Tag bestimmt, auf einige Anlässe konzentrieren. Aber welche? Gibt es wichtige und weniger wichtige Anschläge und Opfer? Genau dieser Frage hat sich Audiatur vor fast genau einem Jahr schon einmal gewidmet und dazu Wissenschaftler befragt, die geforscht haben, wie viel Raum der Berichterstattung über Terroranschläge in einigen ausgewählten Tageszeitungen gewidmet wird.

James Igoe Walsh, Professor für Politikwissenschaft an der University North Carolina und Projektleiter der Studie Media Attention to Terrorist Attacks: Causes and Consequences, sagte, Zeitungsleser und Fernsehzuschauer interessierten sich

„mehr für Anschläge auf Ziele, die sie kennen, von denen viele in Europa liegen. Vielleicht fühlen sie auch eine gewisse kulturelle Nähe zu anderen westlichen Ländern.“ Ein weiterer Grund war aus seiner Sicht die Struktur der Medienindustrie: „Es ist eben viel leichter, über einen Anschlag in Europa zu berichten. Es ist einfach und sicher, an den Ort des Anschlags zu reisen, es gibt die für die Berichterstattung nötige Infrastruktur usw.“

Zudem spiele eine Rolle, ob ein Anschlag aus Sicht eines Amerikaners oder Europäers das Gefühl der Unsicherheit verstärkt oder nicht.

„Wenn ISIS oder die pakistanischen Taliban in Bagdad bzw. Lahore einen Anschlag verüben, wird dies bloss als eine Gefahr für die jeweilige Regierung gesehen. Verübt hingegen dieselbe Organisation einen Anschlag in New York (wie etwa im Jahr 2010 im Falle des gescheiterten Time-Square-Attentäters, der angab, im Auftrag der pakistanischen Taliban gehandelt zu haben) oder in Europa (wie bei den Anschlägen des IS in Paris und Brüssel), dann deutet dies daraufhin, dass diese Organisationen Schritte unternehmen, ausserhalb ihres Landes anzugreifen. Und wenn der IS Belgien angreift, dann kann man vernünftigerweise folgern, dass er auch an Anschlägen in Deutschland, Grossbritannien oder den USA interessiert sein wird.“

Es spricht also einiges dafür, dass das, was wir scheinbar humanitär als Mitgefühl mit Opfern beschreiben, zumindest zu einem Teil auch von ziemlich egoistischen Gefühlen gesteuert wird, nämlich der Frage: Könnte mir das auch passieren? Haben die Täter auch mich gemeint? Hätten sie im Zweifelsfall auch mich getötet?

Der abgegriffene Politikersatz „Dieser Anschlag trifft uns alle“ gibt einigen Aufschluss darüber, warum das Mitgefühl so unterschiedlich verteilt ist. Anschläge treffen nämlich immer nur dann „uns alle“, wenn sie sich in der westlichen Welt ereignen und die Opfer, wie dann gern gesagt wird, „wahllos“ getötet wurden. Ein Massaker, das nur Juden, nur Schiiten oder nur ägyptischen Christen galt – wo also der Täter so umsichtig war, nicht „wahllos“ zu töten, sondern seine Opfer gut ausgewählt hat – gilt eben zumindest aus Politikersicht nicht „uns allen“. Es gilt den anderen.

Natürlich dürfen wir bei der Frage des gerechten und angemessenen Gedenkens nicht mit dem Finger auf andere zeigen, ohne mit uns selbst ins Gericht zu gehen und das eigene Gewissen zu erforschen. Wer kann behaupten, sich auch nur an alle Terroranschläge der jüngeren Zeit zu erinnern? Selbst auf Wikipedia findet man ja nur eine „Auswahl“. Und wie viele Menschen sind unter uns, die wirklich von jedem Anschlag gleich berührt sind?

Den Opfern die Schuld geben

Doch es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man mit der Ungleichbehandlung der Opfer des Terrorismus umgehen kann. Man kann entweder versuchen, etwas dagegen zu tun, oder es kann einem gleichgültig sein. Ja, es gibt sogar Arten, über Anschläge zu sprechen, die diese unselige Tendenz noch unterstützen. Ein besonders abscheuliches Beispiel ist hier der ehemalige amerikanische Aussenminister John Kerry. Nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2013 sagte er:

„Es gibt einen Unterschied zu Charlie Hebdo, und ich denke, dass jeder ihn spürt. [Der Anschlag auf Charlie Hebdo] hatte einen besonderen Fokus und vielleicht sogar eine Legitimation im Hinblick auf – keine Legitimation, aber eine Ratio, die man sich irgendwie zueigen machen kann und sagen: OK, sie sind wirklich wütend wegen diesem und jenem. Dieser Freitag hingegen war völlig unterschiedslos.“

Hier haben wir eine Illustration der oben vorgebrachten These: Da ist auf der einen Seite der gezielte Mord an einer ausgesuchten Gruppe; in dem Fall waren es Satiriker, es können aber auch Juden oder Christen sein. Den Mord an den Mitarbeitern des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ konnte Kerry verstehen. Viel schockierender sind „unterschiedlose“ Morde.

Kerrys Äusserung ist nahe an dem, was man victim blaming nennt: den Opfern eines Verbrechens die Schuld geben. Einige der Opfer hatten Mohammed-Karikaturen gezeichnet? Ja, dann ist es ja kein Wunder, dass sie getötet wurden. Das victim blaming ist bei vielen Journalisten eine Obsession. Es mag vielleicht daran liegen, dass es zum Beruf eines Journalisten gehört, Dinge zu erklären. Dazu gehört wiederum, Ursachen zu nennen. Und natürlich hat jeder Terroranschlag eine Ursache: nämlich den Hass der Täter: Dschihadisten töten Christen, weil diese keine Muslime sind; sie töten Juden, weil diese keine Muslime sind; und sie töten andere Muslime, die in ihren Augen keine wahren Muslime sind. Es sind da aber nicht wenige Journalisten, die die Schuld bei den Opfern suchen oder bei der Regierung des Landes, in dem sich das Massaker ereignet hat. Machen sich Araber in Jerusalem daran, mit Messern und Äxten Juden zu töten, dann wird in deutschen Zeitungen schon mal deren „Frustration“ verantwortlich gemacht. Oder „Armut und Polizeigewalt“. Wenn nicht gar: „Verzweiflung“ über die „gescheiterten Friedensverhandlungen“. Die perverse Logik: Der Mörder will nichts anderes als Frieden, das Mordopfer war dann wohl nicht so friedlich. Dieses victim blaming finden wir auch bei den jüngsten Anschlägen. So schreibt „Spiegel online“:

„Allerdings werden Kopten in Ägypten seit einigen Jahren zunehmend Opfer von Gewalt. Radikale Islamistengruppen werfen den Kopten vor, den Sturz des islamistischen Präsidenten Mohamed Morsi im Sommer 2013 unterstützt zu haben. Seitdem wurden Menschenrechtsaktivisten zufolge mehr als 40 koptische Kirchen in Brand gesetzt oder beschädigt.“

Soll heissen: Die Christen sind schuld, und die Täter haben einen nachvollziehbaren Grund. Hätte der Journalist recherchiert, hätte ihm auffallen sollen, dass Christen in Ägypten nicht erst seit 2013, sondern schon seit über 40 Jahren im Visier radikaler Muslime sind. Und dass Christen nicht nur in Ägypten getötet werden, sondern in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern Afrikas und der Welt. Doch schon im Dezember 2016, als bei einem Anschlag auf einen christlichen Gottesdienst in Ägypten 25 Menschen getötet worden waren, brachte „Spiegel online“ dies mit dem – von zig Millionen Ägyptern unterstützten – Sturz Mursis in Verbindung: „Der koptische Papst Tawadros II. stellte sich demonstrativ hinter Sisi, als dieser 2013 den gewählten islamistischen Präsidenten Mohamed Morsi mit einem Putsch beseitigte.“ Das victim blaming ist schon eine Art Textbaustein, den man nur einzufügen braucht.

Ein besonders unrühmliches Beispiel hierfür ist auch ein Kommentar im „Tagesspiegel“ zu den Anschlägen von Sankt Petersburg. Dort heisst es, Russland „provoziert zudem mit seinem militärischen Einsatz an der Seite des Massenmörders Assad noch mehr Zulauf für Dschihadisten“.

Sie meinen immer uns alle

Noch einmal die Frage: Warum gibt es bei manchen islamistischen Terroranschlägen mehr, bei anderen weniger Mitgefühl für die Opfer? Das Mitgefühl ist dann besonders stark, wenn es das Gefühl gibt: Das hätte auch mich treffen können. Dieses Gefühl wiederum ist umso stärker, je näher der Anschlag uns ist – geografisch und kulturell. Bei einem Angriff auf eine ägyptische Kirche haben nur sehr wenige Europäer das Gefühl, dass es auch sie hätte treffen können. Die bekannte Journalistenfrage, ob unter den Opfern „auch Deutsche“ bzw. „auch Schweizer“ waren, wird in solchen Fällen gar nicht erst gestellt. Wären europäische Urlauber ermordet worden, so wie 2015 in Tunesien – dann, ja, dann wäre die Berichterstattung eine ganz andere gewesen (obwohl auch solche Anschläge bald von anderen Nachrichten verdrängt werden). Wenn es aber Christen in Afrika trifft, ist das Gefühl, dass auch wir gemeint sind, offenbar in Europa weniger stark. Das ist ein schwerer Fehler.

Bei islamistischen Anschlägen am Palmsonntag auf zwei koptische Kirchen in Ägypten wurden am 9. April 2017 mindestens 40 Menschen getötet und über 120 Personen verletzt. Unter den Opfern waren auch etliche Kinder. Foto Screenshot Youtube.

Bei islamistischen Anschlägen am Palmsonntag auf zwei koptische Kirchen in Ägypten wurden am 9. April 2017 mindestens 40 Menschen getötet und über 120 Personen verletzt. Unter den Opfern waren auch Kinder. Foto Screenshot Youtube.

 

Was ist dagegen zu tun? Zum einen müssen Journalisten sich angewöhnen, die Schuld bei den Tätern zu suchen, nicht bei den Opfern. Zum anderen wäre es hilfreich, wenn einmal Fernsehteams nach Ägypten (oder Kenia, Pakistan etc.) reisen und mit den Hinterbliebenen von Anschlägen sprechen würden. Dazu müssten Bilder der Opfer gezeigt, ihre Namen genannt und ihre Geschichten erzählt werden. Dann spätestens würde jedem von uns klar werden: Die Opfer des Terrorismus sind wie wir – auch wenn sie weit weg leben. Und das Gedenken sollte nicht um Städtenamen oder Nationalflaggen kreisen. Die Opfer sind konkrete Menschen, keine Städte oder Länder. Die Frage, warum diese Menschen sterben mussten, darf keine rhetorische bleiben, sondern hat eine Antwort: Weil es auf der Welt Dschihadisten gibt, die alle töten wollen, die nicht ihrer Auslegung des Islam gemäss sind oder leben. Insofern gilt jeder Anschlag uns allen. Ironischerweise ist dies aus Sicht der Dschihadisten selbstverständlich: Sie machen keinen Unterschied zwischen dem Besucher eines Rockkonzerts in Paris, dem Gottesdienstbesucher in Alexandria und dem Passanten in der Stockholmer Innenstadt; für sie sind wir alle gleich.

 

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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