Der Westen fördert islamistische Machtuebernahmen

07 November 2011
Der Westen fördert islamistische Machtuebernahmen

beer7 7 November 2011

Schon seit langem wird Israel aufgefordert, mit Hamas zu sprechen. Seit der "arabische Fruehling" begonnen hat, wird diese Aufforderung ausgeweitet: Der Westen soll mit den Islamisten reden.

Die gleichen Leute und Medien behaupteten zwar noch vor wenigen Monaten, dass der "arabische Fruehling" nun wirklich nichts mit Islamismus am Hut habe und dass eine neue Generation in der arabischen Welt endlich auch westliche Freiheit und Demokratie wolle. Ich erinnere mich auch gut daran, wie Israel geschmäht wurde, weil wir die Lage nicht ganz so rosarot sahen.

Zum Beispiel Hamed Abdel-Samad: Ende Januar war er sich sicher "Hier demonstriert keine islamische Sekte" Gestern sah er nur noch folgende bedrueckenden Optionen "Scharia oder Scharia light? Auch er faende es gut, wenn nun islamistische Kräfte an die Macht kaemen.

Barry Rubin hat die dahinterstehenden Gedanken gut analysiert und widerlegt. Ich uebersetze seinen Text ins Deutsche:

Viele Leute tun sich schwer damit zu verstehen, was die Obamaregierung eigentlich glaubt, im Nahen Osten zu machen. Aber es ist wirklich ganz einfach, wenn man die Geschichte der Argumente kennt, die Reden und Dokumente der Regierung sorgfaeltig liess, ihre Aktonen beobachtet und mit manchen der Beteiligten spricht.

Lassen wir mal eine Menge Punkte beiseite, die ich in einem frueheren Artikel aufgelistet habe (ich empfehle, ihn parallel zu diesem hier zu lessen). Ich moechte mich hier auf ein Konzept konzentrieren, die Idee, dass die USA die Islamisten ueberlistet haben

Schliesslich haben sie sie zu Wahlen verlockt und dazu, die Macht zu teilen. Angeblich haben sie sie in Demokratie und Kompromiss eingefangen, und zu dauernder Anerkennung von Wahlen und demokratischen Spielregeln.

Und wenn die Islamisten die Ware nicht liefern koennen – Arbeitsplaetze, Wohnraum und niedrigere Lebenshaltungskosten – dann verlieren sie eben die naechsten Wahlen. Und es wird erwartet, dass sie Macht in sportlicher Fairness uebergeben. Die Bedrohung ist gebannt!

Westliche Amtsinhaber und Experten glauben allgemein, dass Islam keine materiellen Erfolge hervorbringen kann, daher muessen die Islamisten ihre "unpraktischen" Glaubenssaetze abspecken. Um in den naechsten Wahlen gut abzuschneiden, muessen sie allmaehlich ihre Ideologie abstreifen. Kurz und gut, die Regierung glaubt, dass sie die Islamisten genau dort hat, wo sie sie haben will. Hahaha!

In dieser Argumentskette gibt es viele Luecken, aber ueber die werden Sie weder in den Mainstream Medien etwas finden noch von den Experten hoeren.

Hier waeren ein paar der Problem emit der Auffassung der Regierung, dass die islamistische Machtuebernahmen eine gute Sache seien.

1. Die Zaehigkeit, mit der sich zur Diktatur neigendes Regime an der Macht haelt, ist beeindruckens, auch wenn es vorgibt, nach demokratischen Regeln zu spielen.

Kein nationalistisches, arabisches Regime und keine Monarchie im Nahen Osten liess sich je aus dem Amt waehlen. Es gibt Methoden, die Bevoelkerung zu ueberzeugen, dass sie ein Regime beibehalten sollte, auch wenn nach westlichen Masstaeben diese Regierung "gescheitert" ist. Es gibt auch Methoden, Wahlen zu gewinnen, indem man sie manipuliert, etwa mit Hilfe selektiver Unterdrueckung, Medienkontrolle, indem man Beziehungen einsetzt, um Stimmen zu kaufen usw.

Anstelle von "ein Buerger, eine Stimme, ein Mal" kann man auch "ein Buerger, eine Stimme, ein Result" bekommen.

Denkt an die Tuerkei, wo das Regime seine Machtbasis unter den Waehlern stetig ausgebaut hat, oder Aegypten und Jordanien, wo das Regime immer die Wahlen gewinnt. Wenn die Islamisten einmal an der Macht sind, koennen sie genauso lange daran bleiben wie die arabischen Nationalisten in Aegypten, Tunesien, Libyen, Irak und Syrien, soll heissen jahrzehntelang.

Und als letzter Ausweg koennen Wahlen entweder annulliert werden – wie in Algerien geschehen – oder das Ergebnis unterdrueckt werden, wenn die Machthabe meinen, dass sie verlieren werden.

Schaut wie das islamistische Regime im Iran, das nach Jahrzehnten Misswirtschaft schliesslich jede Popularitaet verloren hat, dennoch an der Macht bleibt. Sie haben die Herausforderung im eigenen Land niedergeschlagen und mussten keine Konsequenzen aus dem Ausland befuerchten, obwohl sie offensichtlich die Wahlen gestohlen haben. Was wuerde passieren, wenn ein islamistisches Regime in Aegypten oder der Tuerkei die Wahlen stiehlt, um an der Macht zu bleiben? Nichts.

2. Der Einfluss von Ideologie und Demagogie sollte nicht unterschaetzt werden. Sie koennen wirksamer sein als materielle Vorteile.

Die Geschichte der arabischen Welt in der Moderne ist voll solcher Beispiele. Denkt an die PLO und Yasir Arafats Fuehrung. (Ja, ich weiss, Hamas hat gewonnen, aber Fatah sitzt in der wichtigeren Westbank immer noch im Sattel.)

Und vergesst nicht den Nutzen von auslaendischen Suendenboecken, die fuer die Islamisten nicht weniger wichtig sein werden als fuer die Nationalisten. Bedenkt, wie das tuerkische, islamistisch Regime Israel und den Westen als Feinde darstellt, um sowohl nationalistische wie religioese Leidenschaft im eigenen Land zu mobilisieren. So etwas kann zu aussenpolitischen Abenteuern fuehren – Krieg und Terrorismus – die zu Hause gut angkommen, selbst wenn sie verloren werden.

3. Die Uebernahme von Institutionen

Das Regime kann das Erziehungswesen und die Medien zur Indoktrination nutzen und sich so Gefolgschaft zu sichern. Durch die Vergabe von Jobs und wirtschaftliche Pfruenden koennen Abhaengigkeiten geschaffen werden. Organisationen koennen gegruendet oder uebernommen werden, Frauenorganisationen, Gewerkschaften, Berufsgenossenschaften usw. Ueber die religioesen Institutionen koennen Islamisten den traditionellen Islam abloesen und ihre eigenen Interpretationen ins Herz der Glaeubigen pflanzen.

Und lasst uns den groessten Preis von allen nicht vergessen: Kontrolle ueber die Armee. Dieser Plan koennte die Bildung von separaten Eliteeinheiten beinhalten (Islamische Revolutionsgarden im Iran, Revolutionsgarden im Irak, Republikanische Garden in Syrien usw.)

4. Das grundsaetzlich radikale Wesen der Islamisten selber.

Wenn Sie Ihre Befehle direkt vom Allerhoechsten entgegennehmen und an der allerheiligsten Religion ausrichten, dann werden Sie so leicht Ihre Meinungen nicht aendern. Der matierialistische Zynismus des Westens geht zu weit, wenn er meint, dass Islamisten sich fuer Luxus und Macht verramschen liessen. Im uebrigen koennen sie Luxus und Macht auch geniessen, ohne ihre Prinzipien aufzugeben (siehe Iran).

Wir haben es nicht mit dem Kommunismus in der Aerag Leonid Breschniew zu tun. Die Islamisten sind eine relative junge Bewegung, ungebeugt von Fehlschlaegen und nicht abgestumpft durch langes Innehaben der Macht. Sie glauben wirklich, dass ihnen die Zukunft gehoert. In 30 oder 40 Jahrnen werden sie vielleicht muede werden und ihre Zuversicht einbuessen, aber jetzt noch nicht.

5. Da die Islamisten wissen, mit welcher Ignoranz und Gutglaeubigkeit sie es im Westen zu tun haben, koennen sie die Leichtglaeubigkeit ihrer Feinde ausnuetzen und wenn noetig "moderat" spielen, um auf diese Weise eine Menge Vorteile und Zugestaendnisse zu erhalten. Wie waere es mit massiver Finanzhilfe aus den USA? Das wird in Kuerze geschehen oder etwa nicht?

Das Kalifat – wie Rom – wird nicht in einem Tag erbaut.

Die neue islamistische Strategie, in scharfem Gegesatz zu Al-Kaida, ist sehr geduldig. So hat z.B. die oberflaechlich westlich beeinflusste und ungewaehlte Opposition in Libyien den geachteten Akademiker und Geschaeftsmann Abdel Rahim al-Keib als Fuehrer der Uebergangsregierung eingesetzt. Uns wird schnell erzaehlt, das bewiese, dass es keinen Grund zur Sorge gaebe. Aber al-Keib ist eine vorlaeufige Loesung und wurde weder von den Bewaffneten noch von den Waehlern eingesetzt. Seine Nachfolger werden anders sein.

Ohne ein wirkliches Verstaendnis des Nahen Osten, mit ihrem eigenen, vorgefassten Weltbild, ohne Sinn fuer Geschichte, von Hochstaplern an der Nase herumgefuehrt und konfliktscheu – solche Menschen machen den Fehler zu glauben, dass sie den revolutionaeren Islamismus baendigen koennen.

Sie werden mit Sicherheit scheitern. Wer weise ist, wird sich hueten, den Preis fuer diese Torheit zu bezahlen.

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