Die Hamas und das Stockholm-Syndrom

Kölner Stadt-Anzeiger - 22 Januar 2008 - Von TOBIAS KAUFMANN

Die Palästinenser verstehen es, Bilder zu liefern. Ob bei kameragerechten Schießereien, bei „Spontandemonstrationen“ mit Kerzen oder jetzt, beim Sturm auf Rafah. Natürlich steht hinter dem Strom Zehntausender über die ägyptische Grenze auch Verzweiflung. Die Vorräte im Gazastreifen sind knapp, nicht erst seit der jüngsten israelischen Blockade. Aber die Hamas versteht es, Not propagandistisch auszuschlachten. Sprengstoff, Munition und Kommunikationstechnologie sind inmitten der Krise stets ausreichend vorhanden.

Gaza und die internationale Bühne sind von einer Art Stockholm-Syndrom ergriffen. Die Hamas-Regierung hält die eigene Bevölkerung als Geisel - und erntet Verständnis, gar Sympathie. Sie hat es in der Hand, den entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit freizulassen und die Angriffe auf Israel einzustellen. Da sie es nicht tut, trägt die Hamas die Verantwortung für die Folgen.

Es gibt viel zu verurteilen an Israels Politik gegenüber den Palästinensern. Aber in Sachen Gaza ist Israel nicht der Aggressor. 2005 hatte Israels Regierung den Rückzug aus dem Küstenstreifen durchgesetzt - ohne Gegenleistung und gegen gewaltigen Widerstand. Gaza ist seitdem eine palästinensische Angelegenheit.

Den normalen Palästinensern hat das aber nichts gebracht. Von der Besatzung schlitterten sie erst in den innerpalästinensischen Machtkampf und dann in die Wirklichkeit von Hamastan, in der die Schaffung einer islamistischen Konsensgesellschaft und der fanatische Kampf gegen Israel Vorrang haben vor dem Wohlergehen der Bevölkerung. Der unablässige Raketenregen aus dem Gazastreifen auf die israelische Stadt Sderot ist dafür ein Beispiel. Nur aus Zufall sind bisher die meisten Raketen ins Leere gegangen. Jederzeit kann eine Kassam einen Kindergarten treffen. Diese Bedrohung kann keine Regierung der Welt ignorieren. Es ist grotesk, von Israel zu verlangen, dass es einen Grenzverkehr mit Gaza aufrechterhält, als wäre nichts gewesen.

Ägypten hat die Grenze aus Sicherheitsgründen schon seit Monaten dichtgemacht - internationalen Protest gibt es (...)

tobias.kaufmann@mds.de

Hamas-Führer ruft zum Kampf um "ganz Palästina" auf

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