Die Mär von den "islamischen Wissenschaften"

27 Dezember 2010

Reconquista-Europa 27 Dezember 2010 Von Lehrer L

a) Wirkung arabischer Raubheere

Tarif ibn Malik erteilte 711 n. Chr. einem überwiegend aus Berbern bestehenden Heer den Befehl, nach Gibraltar überzusetzen. Nach zügigem Vormarsch kam es zur Entscheidungsschlacht am Guadalete gegen die Westgoten, in deren Verlauf deren König Roderich fiel. Der moslemische Sieg führte zur raschen Eroberung weiter Gebiete und zur Besetzung der westgotischen Hauptstadt Toledo. Die Überschreitung der Pyrenäen unterblieb zunächst und wurde 732 n. Chr. in einer Schlacht zwischen Tours und Poitiers durch Karl Martell, dem Hammer, gebremst. Dieses Zusammentreffen führte dazu, dass die Vorstöße der Araber ins Frankenreich endeten. Die Herrschaft Jusuf al-Fihris, des Statthalters von Andalusien, endete, als ein Mitglied des von den Abbasiden verfolgten Hauses der Omayyaden Anhänger gewann, 756 n. Chr. Jusuf bei Cordoba schlug und ein omayyadisches Emirat ausrief. Emir Al-Hakam I musste 818 n. Chr. in Cordoba eine Revolte blutig niederschlagen, deren Ausgangspunkt in der Vorstadt jenseits des Guadalquivir lag und die er dem Erdboden gleichmachte. Cordoba war zu dieser Zeit mehrheitlich von Christen bewohnt, aber diese Dominanz begann in Stadt und Land zu schwinden und führte zum Verblassen der lateinischen Kultur. Cordoba wurde 1236 n. Chr. von König Ferdinand III, dem Heiligen, zurückerobert. Nachdem 1485 n. Chr. Ronda, 1486 n. Chr. Loja und 1487 n. Chr. Malaga von den Katholischen Königen Isabella I von Kastilien und Ferdinand II von Aragon zurückerobert wurden, fiel 1492 n. Chr. als letzte moslemische Bastion in Spanien die Stadt Granada. b) Aneignung fremden Wissens

Bis zur islamischen Invasion blieben viele der in der Antike berühmten Bildungsstätten in Betrieb, z. B. in Alexandria und Antiochia, wo überwiegend christliche Gelehrte tätig waren. Es wurden die Klassischen und in Persien auch die Indischen Wissenschaften gelehrt. Ein Arzt aus dem Umfeld des Propheten, Al-Harith ibn Kalada, soll der Überlieferung nach dort studiert haben. Üblicher Lehrort für islamisches Wissen waren die Moscheen; dort trugen die Lehrer ihren Studenten den Stoff vor. Nach der Beendigung ihrer Studien erwarben die Hörer die Befähigung zur Weitergabe des erworbenen Wissens. Es war üblich, dass sich Mäzene engagierten und Schulen stifteten, die im Arabischen Madrasa genannt werden. In der islamischen Welt sind noch heute Medresen aus den unterschiedlichen Epochen erhalten. Eine bekannte Moscheeschule hat eintausend Jahre überdauert, nämlich die Azhar in Kairo. Sie wurde von den schiitischen Fatimidenkalifen nach der Eroberung Ägyptens im 10. Jahrhundert gegründet. Unter der späteren Dynastie der sunnitischen Ayyubiden musste sich die Azhar diesen Herrschern religiös unterordnen.

Neben diesen Lehrstätten mit streng islamischer Ausrichtung existierten wenige Schulen, welche die sogenannten fremden Wissenschaften zum Gegenstand hatten. Diese Schulen eigneten sich aus persischen, syrischen, griechischen und indischen Quellen die notwendigen Kenntnisse an. Der Kalif Harun al-Raschid, der bis 809 n. Chr. regierte, errichtete in Bagdad die sogenannte Bibliothek der Weisheit, in der fremdsprachige Schriften gesammelt und ins Arabische übersetzt wurden. Sein Sohn, der Kalif Al-Mamun, errichtete das berühmte Bait al-hikma, das Haus der Weisheit. Auch hier übertrug man überwiegend griechische Texte ins Arabische, u. a. aus den Bereichen Mathematik, Astrologie und Medizin. Unter dem Kalifen Al-Mutawakkil musste das Bait al-hikma die Lehrtätigkeit einstellen, da der Kalif von der Mutazilia, der rationalistischen Strömung des Islam, abrückte und zur konservativen Linie zurückkehrte. Die sogenannten profanen fremden Wissenschaften wurden nun streng abgelehnt. Die Geschichte der islamischen Lehrstätten zeigt, wie kurzlebig sie häufig waren und wie mit dem Tod eines Herrschers oftmals ein ideologischer Umschwung einherging. c) Cordoba

Cordoba am Guadalquivir, das römische Corduba, war ursprünglich die Hauptstadt der Provinz Baetica. Die plündernden Araber und Berber des Tarik eroberten die Stadt 711 n. Chr. und zerstörten das iberische Westgotenreich. Ab 716 n. Chr. residierte der Stellvertreter des Gouverneurs von Kairouan in der Stadt; 756 n. Chr. wurde das omayyadische Emirat von Cordoba begründet. Die Orientalisierung des Lebens nahm damit ihren Lauf. Wegen der Unwirtlichkeit der islamischen Realität begannen im Jahr 850 n. Chr. die Christen Widerstand zu leisten und sollen in der Folge den Islam und seinen Propheten öffentlich beleidigt haben, was die moslemische Staatsgewalt mit der brutalen Hinrichtung zahlreicher Christen quittierte. 859 n. Chr. endete diese Widerstandsbewegung mit der Hinrichtung des Klerikers Eulogius.

Cordoba genoss im christlichen Abendland hohes Ansehen. Hroswitha von Gandersheim gedachte der Stadt in ihren Werken. Kaiser Otto I, der Große, unterhielt zu der Stadt diplomatische Beziehungen. Der Hof des Kalifen Abd ar-Rahman III war ein Zentrum der damaligen europäischen Diplomatie. Berühmt war die Bibliothek Al-Hakams II mit ihren angeblich 400000 Handschriften. Die Behauptung, abendländische Christen hätten an den Lehrstätten Cordobas studiert und dadurch die islamischen Wissenschaften im übrigen Europa verbreitet, ist eine fromme Legende. Im Mittelalter waren allenfalls Mönche keine Analphabeten, denen aber die notwendigen Kenntnisse der arabischen Hochsprache fehlten. Außerdem befanden sich die islamischen Lehrstätten in Moscheen, die kein Ungläubiger, geschweige denn ein christlicher Mönch, betreten durfte. Aus Cordoba stammte der Historiker Ibn Haijan, der in zehn Bänden die Schriften seiner Vorgänger herausgab und ein angeblich sechzig Bände umfassendes Geschichtswerk schrieb. 1236 n. Chr. wurde Cordoba durch Ferdinand III, dem Heiligen und König von Kastilien, vom islamischen Joch befreit. Die Stadt hatte zu dieser Zeit ihre Blüte zwar längst hinter sich, fand aber trotzdem noch christliche Förderer. d) "Islamische Wissenschaft"

Der Islam hat seit dem 8. Jahrhundert einen beachtlichen Teil des antiken Erbes aufgesogen, verarbeitet und darauf aufbauend eigene wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht. Der christliche Mönch Gerbert von Aurillac kam in den Jahren 967 n. Chr. bis 969 n. Chr. in Kontakt mit islamischem Wissen. Nach seinem Aufenthalt in Spanien unterhielt er Beziehungen zur Benediktinerabtei Ripoll, welche erste Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische vornahm. Gerbert machte Europa mit den sogenannten arabischen Ziffern bekannt und verwies auf ihren indischen Ursprung. Dieser Vorgang deutet an, dass die Weitergabe arabischen Wissens dort geschah, wo moslemisches Gebiet von Christen zurückerobert wurde und die dort lebenden Christen, Juden und konvertierten Moslems als Träger der nun freien Wissenschaften auftraten.

Der konvertierte Jude Petrus Alfonsi, eigentlich Moses Sefardi, hat dem europäischen Westen mit seiner Disciplina Clericalis eine Sammlung arabisch-jüdischer Erzählungen hinterlassen. Später wirkte er in Frankreich und England, wo er islamische Wissenschaften lehrte. In seinen Schriften legte er dar, dass nur wissenschaftliches Erforschen der Natur zu richtiger Gotteserkenntnis führt. Zur Zeit der Könige Ferdinand III und Alfons X begann in Toledo ebenfalls eine reiche Übersetzungstätigkeit. Christliche Spanier und Juden hatten Anteil an dieser Arbeit, die dem christlichen Abendland viele lateinische Werke zurückbrachte und das Gedankengut der griechisch-römischen Antike festhielt. Bedeutendster Vertreter dieser Zeit war Johannes Hispanus, der zwischen 1120 und 1160 n. Chr. wirkte. Später beteiligte sich Gerhard von Cremona an der Übersetzung der Autoren Al-Ghazali und Ibn Sina (Avicenna). Aristoteles wurde neu entdeckt und man begann seine Werke, sowie die des jüdischen Philosophen Maimonides (genannt Rambam) zu übersetzen. Diese Werke kamen Europa zugute und entfalteten dort ihre Wirkung. Alle damaligen Wissenschaften finden sich unter den übersetzten Werken, so z. B. Mathematik, Astrologie, Physik, Alchemie, Medizin, Philosophie und Werke der Geheimwissenschaften, wie etwa Magie. Die Erfindung des Buchdrucks führte zu einer europaweiten Verbreitung dieser Schriften. Konnten sich bisher nur wohlhabende Ärzte den Kanon der Medizin von Avicenna leisten, so wurden Bücher jetzt erschwinglich.

Der jüdische Philosoph und Arzt Maimonides (Ibn Maimun, genannt Rambam), musste seine Geburtsstadt Cordoba 1148 n. Chr. verlassen und erlangte in Ägypten Ehre und großes Ansehen.

Der Begriff arabische Wissenschaften ist unscharf, da jene, die sie repräsentierten zumeist Angehörige der von den Arabern überfallenen und ausgeplünderten Völker waren. Präziser ist es daher von islamischen Wissenschaften zu sprechen, da auch die Sprache des Korans, das Arabische, Sprache der Wissenschaft wurde. Der Perser Ibn Sina (Avicenna) steht als Beispiel für einen Arzt und Gelehrten, ebenso der Universalgelehrte Al-Biruni, der 1017 n. Chr. unter Sultan Machmud zusammen mit weiteren persischen Gelehrten verschleppt wurde. Letzter großer Repräsentant der islamischen Wissenschaften im Reich der Mauren war der aus Cordoba stammende Ibn Ruschd (Averroes), dessen Koranfeindlichkeit ihn zum Opfer der orthodoxen moslemischen Theologen machte. Ibn Rushd verfasste philosophische, medizinische, mathematische und naturwissenschaftliche Werke, die griechische und arabische Kommentare mit berücksichtigten.

So stand die ins Arabische übertragene griechische Wissenschaft in einem stetigen Gegensatz zum Islam, da in der Physik die aristotelischen, in der Astronomie die ptolemäischen und in der Medizin die galenischen Schriften dominierten. In Folge der Übernahme des griechischen Wissens ergaben sich Widersprüche zu den Aussagen des Korans und der Sunna. Erreicht wurde die Bewahrung des überlieferten antiken Wissens in übersichtlicher Form, woraus Bücher entstanden, wie der Al-kanun fi at-tibb, der Canon medicinae des Avicenna oder die Elemente der Astronomie des Bagdader Astronomen Al-Farghani. Die Astronomie wurde von der islamischen Orthodoxie zögerlich anerkannt, da mit ihrer Hilfe die Zeitpunkte der rituellen Gebete, Anfang und Ende des Fastenmonats und der Verlauf des Mondkalenders abgeleitet wurden.

Mathematische Fortentwicklungen des griechischen Erbes betrafen z. B. die Auflösung von Gleichungen durch den persischen Mathematiker Al-Charismi, der auch das Rechnen mit indischen Ziffern im Dezimalsystem einführte. Eine Abhandlung über Dezimalbrüche verfasste Al-Kaschi, der zu jenen Gelehrten gehörte, die der primitive turkisierte Mongole Timur-Leng während seiner bestialisch-grausamen Raubzüge nach Samarkand verschleppte.

Der Koran bietet keinerlei Vorstellung über die wahre Natur von Krankheiten; seine Hygienevorschriften verfolgten nur den Zweck, gesellschaftliche Verhaltensnormen zu schaffen, die sich von den bisherigen unterschieden. Dagegen konnten die Inder und Griechen schon ein Jahrtausend vor Muhammad beachtliche medizinische Fortschritte vorweisen. Im 5. Jahrhundert vor Christus legte Hippokrates den Grundstein der medizinischen Wissenschaft in Europa. Der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebende Arzt Galen genoss am römischen Kaiserhof hohes Ansehen. Galen trug das bisher gesammelte medizinische Wissen zusammen und ergänzte es durch eigene Forschungen. Nahezu alle Ärzte orientierten sich an den Lehren und Methoden von Hippokrates und Galen.

Mit dem Aufkommen des Christentums wurden die bereits existierenden Hospitäler häufig in therapeutisch nutzlose Kirchen umgewandelt. Die Kirchenväter lehrten, Krankheiten seien das Werk von Dämonen und verordneten nutzlose medizinische Gebete oder Bußen als Heilmittel gegen Krankheiten und Gebrechen. Eine medizinische Behandlung wurde weitgehend abgelehnt. Stattdessen kamen Wunderheilungen durch Reliquien in Mode. Klöster und Kirchen, die im Besitz von geeigneten Leichenteilen, Skeletten oder sonstiger Hinterlassenschaften waren, gelangten zu Reichtum. So existiert eine Schar von Heiligen, die bei bestimmten Leiden helfen soll, wie z. B. bei Hunde- und Schlangenbissen, Epilepsie, Gallensteinen, Fieber, Zahnschmerzen und bösen Hälsen. Im islamischen Umfeld übersetzte Ibn Ishaq die Werke des Hippokrates und Galens ins Arabische, was die Moslems erst in die Lage versetzte, auf dem Gebiet der Medizin einige Fortschritte zu erzielen.

Die islamischen Philosophen Al-Kindi, Ibn Ruschd (Averroes), Ibn Sina (Avicenna) und Ar-Razi (Rhazes) waren auch Ärzte und zeigten auf diesem Gebiet bemerkenswerte Leistungen. Da sich religiöser Aberglaube nicht mit der Medizin verträgt, stellten die genannten islamischen Wissenschaftler die Gültigkeit etlicher Dogmen des Islam in Frage. Die arabischen Gelehrten priesen Ibn Sina als den Galen Arabiens, die islamischen Theologen verteufelten ihn aber als Kafir, als Ungläubigen. Auf ihr Betreiben hin ließ der Abbasiden-Kalif Al-Mustarschid die Werke Ibn Sinas vernichten. Der Islam untersagt das Sezieren menschlicher Leichen und lebender Tiere. Bis ins 13. Jahrhundert hatten die moslemischen Ärzte es nicht gewagt, dieses Tabu zugunsten des wissenschaftlichen Fortschrittes zu brechen. Somit konnten sie die Irrtümer Galens nicht korrigieren.

Auf dem Gebiete der Optik konnten die Araber beachtliche Fortschritte erzielen. Hier sind die Entdeckungen Al-Hazens (Ibn Al-Haitham) zu nennen. In der Astronomie besaßen die Chinesen, Griechen, Hindus und Ägypter des Altertums weitaus mehr Kenntnisse, als die moslemischen Gelehrten zwei Jahrtausende später. Das koranische Bild des Universums ist sehr primitiv. Die Erde ist flach und ausgebreitet wie ein Teppich. Allah hat feststehende Berge darin verankert, damit sie nicht wackelt. Die Sterne sind nicht nur als Wegweiser für die Menschen erschaffen worden; Sternschnuppen werden von den Engeln als kosmische Wurfgeschosse eingesetzt, um Satan samt den bösen Geistern zu verjagen. Der koranische Entwurf über die Erschaffung der Welt ist aus den Schöpfungsmythen der Babylonier, der Perser und des Judentums zusammengesetzt. Allah hatte keinerlei Kenntnis von Galaxien, Schwarzen Löchern oder Relativität, geschweige denn von der Quantenmechanik. Entsprechendes gilt für die Dinosaurier oder die Kontinentaldrift. Der Koran ist aber für die Moslems Allahs unveränderliches Wort und damit die Wahrheit schlechthin. Jede ernsthaft und öffentlich geäußerte gegenteilige Ansicht kann die Anwendung der brutalen Scharia nach sich ziehen. Wie infantil und rückständig der koranische Denkansatz daherkommt, wird augenfällig, wenn man erkennt, dass ein Jahrtausend vor Muhammad den Griechen die Kugelgestalt der Erde bekannt war. Erst vierhundert Jahre nach der Entstehung des Islam entwickelten einige moslemische Gelehrte Interesse an Astronomie und Geografie. Das koranische Verbot der Darstellung von Menschen und Tieren in Malerei, Bildhauerei oder anderen künstlerischen Ausdrucksformen hat die Entwicklung einer bildenden Kunst in der islamischen Welt abgewürgt. Einer der Wissenschaftszweige, die im Islam gefördert wurden, war die Mathematik. So hat das Abendland von den Moslems das Dezimalsystem übernommen und die Ziffern indischen Ursprungs. Ein bedeutendes Ereignis für die abendländische Mathematik war die Einführung der ursprünglich indischen Null; diese wurde wegen ihrer Wirkung im Dezimalsystem von der Kirche zuerst als Werk des Teufels bezeichnet. Wie konnte eine Zahl ohne Wert eine andere Zahl im Wert verzehnfachen?

e) Vom Ableben der islamischen Philosophie

Das, was unter islamischer oder arabischer Philosophie verstanden wird, ist die Weiterentwicklung der von Aristoteles dominierten griechischen Philosophie. Arabisch wird sie genannt, weil die wissenschaftlichen Werke in hocharabischer Sprache verfasst wurden. Zur islamischen Philosophie gehört der Kalam, der Fragen zu Allahs Allmacht beinhaltet und dieser die menschliche Willensfreiheit gegenüberstellt. Repräsentanten dieser islamischen Philosophie waren Al-Kindi, die Lauteren Brüder von Basra und der persische Arzt und Philosoph Ar-Razi (Rhazes). Ibn Sina (Avicenna) goss im 11. Jahrhundert die aristotelisch-neuplatonische Metaphysik in eine neue Form. Sein unversöhnlicher Gegner war Al-Ghazali, der die Einheit zwischen religiöser Pflichtenlehre, spekulativer Theologie und Mystik anstrebte. In Spanien entwickelte sich die arabisch-islamische Philosophie in engmaschiger Verzahnung mit der jüdischen Philosophie. Ibn Badjdja (Avempace) wurde der erste Aristoteliker des islamischen Spaniens. Ibn Ruschd (Averroes) gewann als Kommentator des Aristoteles für die christliche Scholastik größte Bedeutung und lieferte die Thesen für die philosophischen Kontroversen des 13. Jahrhunderts. Unter dem wachsenden europäischen Einfluss versiegte die eigenständige arabisch-islamische Philosophie.

Der Islam gründet sich auf seine Offenbarungsschrift und auf die überlieferten Weisungen und Handlungen des Propheten, die als Sunna bezeichnet werden. Die koranischen Formulierungen sind überwiegend das Ergebnis geschichtlicher Erfahrungen aus der Frühzeit des Islam. Dieser suchte anfänglich durch Einsicht in die göttliche Vernunft das Unfassbare seiner Offenbarung zu ergründen. Wo liegen aber die Grenzen der menschlichen Vernunft? Über den universalen Anspruch rationalen Denkens entbrannte zwischen den islamischen Juristen, Theologen und Philosophen ein noch heute schwelender Disput.

In den geistigen Zentren des islamischen Imperiums bildete sich aus den offenbarten und überlieferten Rechtsquellen die Logik aus und zwar weitgehend so, wie sie die antiken griechischen Philosophen überlieferten. In der Verteidigung des Islams gegen seine Feinde und zur Begründung seiner Offenbarung sahen die frühen islamischen Theologen ein Anwendungsgebiet von Logik und Vernunft. Somit bildete die arabische Übersetzung der antiken Wissensquellen die philosophische Basis für eine weiter entwickelte islamische Wissenschaftslehre in Anlehnung an Aristoteles und Plotin. Plotin und seine Schüler sahen in der Schöpfung ein ewiges Ausströmen der ersten Ursache (Emanation). Die islamische Philosophie suchte anfangs den Gleichklang mit der Gemeinschaft der Gläubigen, wurde aber zusehends zu einer Religion für Gelehrte.

Der Naturwissenschaftler Al-Kindi bewies im 9. Jahrhundert, dass mit der Philosophie das Bekenntnis des Islam, die Einzigeinheit Allahs, begründet werden konnte. Die Gesamtheit dessen was ist setzt eine erste Ursache voraus. Al-Kindi sah im Streben nach Wissen das höchste Ziel menschlichen Handelns, den Weg zum wahren Glück. Ein Jahrhundert später begründete Al-Farabi die Philosophie des Islams, indem er Offenbarung und Prophetie in den Kosmos und in die Erkenntnis einbezog.

Als Modernisierer des philosophischen Islam-Weltbildes trat im 11. Jahrhundert Ibn Sina (Avicenna) auf und verfasste einen neuen Wissenschaftskanon. Er konkretisierte den bisher geführten Gottesbeweis theologisch. Alles bedarf danach einer ersten Ursache, die unbedingt notwendig ist, denn mit seiner ewigen Ursache koexistiert auch der Kosmos ewig. Gleichwohl zog sich Avicenna mit dieser Aussage den Zorn der islamischen Theologen zu. Wie kann sich eine ewige Welt mit dem Glauben an den allmächtigen, Einzigeinen Allah vertragen, der die Welt am Anfang erschuf und damit die Zeit in Gang setzte?

So verfasste der orthodoxe islamische Theologe des 11./12. Jahrhunderts, Al-Ghazali, eine Schrift gegen Avicenna. Auch er stellte die Logik der Philosophen in den Dienst der islamischen Wissenschaft, wies aber die Kosmologie der Philosophen, die Lehre von der Ewigkeit der Welt, weit von sich. Al-Ghazalis Werk von der Haltlosigkeit der Philosophie hatte eine starke Wirkung. Angesichts der unermesslichen Weisheit Allahs wies er den absoluten Wissensanspruch der Philosophie zurück und unterwarf sie dem Willen dieses Allmächtigen und damit den Einschränkungen von menschlicher Vernunft und Moral. Die traditionalistische Bewegung des 11. Jahrhunderts für die auch Al-Ghazali stand, schränkte die Vielfalt der geistigen Auseinandersetzung ein. Die Hüter der islamischen Überlieferung verknüpften das islamische Recht und den Staat mit der Sunna, entwickelten eigene Methoden der Auslegung und verurteilten die souveräne Vernunft. Die islamische Rechtgläubigkeit hat somit in der Auslegung des Rechts ihre Rechtfertigung erhalten, Avicennas Idee von der Ewigkeit der Welt beseitigt und die klassische Philosophie entmachtet. Ibn Ruschd (Averroes, verstorben 1198 n. Chr.), Philosoph, Theologe, Jurist und Mediziner, hielt Aristoteles für das Beispiel, das die Natur erschuf, um die menschliche Vollendung in der Materie zu demonstrieren. Er verfasste zu fast allen Werken des Aristoteles einen Kommentar und sah als Hauptaufgabe die Rekonstruktion dieser ursprünglichen Philosophie. Seine rationalistische Position zielt auf die Versöhnung von Vernunft und Offenbarung. Als Antwort auf Al-Ghazalis Schrift über die Widersprüchlichkeit der Philosophen schrieb er die Widersprüchlichkeit der Widersprüchlichkeit. Seine Verteidigung des philosophischen Weltbildes gegenüber der Kritik Al-Ghazalis und seine Gleichsetzung des philosophischen Glaubens mit dem offenbarten Islam mündete in dem Credo: Der Wahrheit widerspricht die Wahrheit nicht! Zur islamischen Rechtswissenschaft bemerkte er in seiner „Entscheidenden Abhandlung“, dass gerade die rationale Forschung vom Koran gefordert sei. Wenn eine Aussage des Korans der Vernunft zu widersprechen scheint, soll der Wissende durch Umdeutung den komplexen Sinn suchen, welcher dem gemeinen Volk vorzuenthalten ist. Der lateinische Averroismus entwickelte daraus die Theorie der doppelten Wahrheit, welche die islamische Orthodoxie zu wütenden Protesten veranlasste. Ibn Ruschd galt im europäischen Mittelalter als maßgebender Kommentator des Aristoteles. Dante Alighieri benennt ihn in seiner Commedia ebenso. Moderne moslemische Intellektuelle fordern, im islamisch-philosophischen Diskurs an Ibn Ruschd anzuknüpfen. Dieser wirkte als Philosoph und Hofarzt unter dem Kalifen Abu Jakub Jusuf und wurde unter dessen Nachfolger 1195 n. Chr. wegen der angeblichen Islamfeindlichkeit seiner Lehren verbannt; seine Bücher verbrannte man öffentlich.

Da die islamische Philosophie sich früh mit Aristoteles befasste, verfügte sie über einen Wissensvorsprung gegenüber dem lateinischen Westen. Averroisten hat es allerdings auch nur im Westen gegeben. Ein bekannter Averroes-Kritiker war Thomas von Aquin. Avicenna entwickelte den Aristotelismus in seiner neuplatonischen Fassung weiter und trennte Materie von Essenz. Gott verleiht demnach allen Formen nur ihre Existenz. Die Unterscheidung von Essenz und Existenz oder Wesenheit und Sein ging in die lateinische Scholastik ein. Avicennas medizinischer Kanon der Medizin löste die Klostermedizin durch wissenschaftliche Verfahren ab und blieb in Europa jahrhundertelang unbestrittenen.

f) Evergreen Kreuzzüge

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Europa eine Orientbegeisterung, welche in Mode, Architektur, Literatur und Kunst ihren Ausdruck fand. In der Literatur glänzten Namen, wie Pierre Loti, Theophile Gautier und Flaubert. Das Bild der Orientalin verklärte sich durch den Zauber der orientalischen Märchen zum Inbegriff der erotischen Haremsdame. Die Orientmalerei schätzte als eigenes Genre innerhalb der Kunst Motive in Form des türkischen Bades, des Sklavenmarktes und des Harems. Der Orient wurde zur großen Mode; Victor Hugo bemerkte, im Zeitalter des Sonnenkönigs habe man sich antik gegeben, jetzt sei das Orientalische an der Reihe.

Verwunderlich ist, dass die arabische Welt noch immer mit Beduinen, Kamelen und orientalischen Gewändern verbunden wird, also aus dem Blickwinkel der Orientbegeisterung des 19. Jahrhunderts. Die Kreuzzüge warfen damals wie heute einen Schatten auf diese geschönte Sicht. Man behalf sich damit, die Kreuzzüge zu negieren oder die geschichtlichen Tatsachen der verklärten Sichtweise anzupassen.

Unter Kreuzzügen werden die im Mittelalter von der Kirche gepredigten oder geförderten Kriege gegen Nichtchristen (z. B. heidnische Slaven) und Ketzer (z. B. Katharer) zur Einführung oder Restaurierung des christlichen Glaubens römischer Prägung verstanden. Im engeren Sinn bezeichnet man die von der abendländischen Christenheit geführten Kriege zwecks Rückeroberung der von den Moslems eroberten heiligen Stätten als Kreuzzüge. Ein Anlass für den Beginn dieser Züge war die Eroberung Jerusalems 1070 n. Chr. durch die türkischen Seldschuken, die damit verbundene Erschwerung der Pilgerfahrten ins Heilige Land und die Bedrohung des byzantinischen Reichs. Ein Kreuzzug war daher kein Krieg zum Zwecke der Bekehrung Andersgläubiger, sondern aus damaliger Sicht der rechtmäßige Versuch, zu Unrecht erobertes christliches Gebiet zurückzuholen. Nur eine anerkannte kirchliche Autorität, also der Papst, konnte einen Kreuzzug ausrufen. Dieses zu bestreiten bedeutet die Rechtfertigung jener islamischen Raubzüge, welche die nordafrikanischen christlichen Gemeinden und Kirchen vernichteten.

Ein Grund für das erfolgreiche Predigen des ersten Kreuzzuges 1095 n. Chr. lag zweifelsfrei in der Person Al-Hakims, des dritten Fatimiden Ägyptens. Während seiner Regierung von 996 bis 1021 n. Chr. ging der bereits erschütterte Glaube an die Toleranz des Islams endgültig verloren. Der offenbar wahnsinnige Herrscher sah Allahs Wesen in seiner Person vollkommener präsent, als bei seinen Vorgängern. Früh erregte sein ungewöhnliches und unberechenbares Verhalten sowie seine strikte Askese Argwohn. Al-Hakim änderte die Gewohnheiten der Gläubigen und ließ strengste Gesetze verkünden, so z. B. das totale Verbot vergorener Getränke und aller populären Lustbarkeiten. Al-Hakim ließ die Astrologen verfolgen, verbot Männern den nächtlichen Ausgang und den Frauen den Ausgang überhaupt. Zuwiderhandlungen gegen seine Anordnungen zogen die Todesstrafe nach sich.

Schließlich begann Al-Hakim im Jahr 1008 n. Chr. mit der grausamen Verfolgung von Juden und Christen. Er verbot ihnen Wein und Schweinefleisch, führte die entwürdigenden Kleidervorschriften wieder ein, nach denen Juden eine Glocke um den Hals tragen mussten und er verbot den Moslems jede Geschäftsbeziehung zu ihnen. Schließlich kassierte er die Besitzungen von Kirchen und Synagogen und zerstörte viele von ihnen. Al-Hakim legte seine blutige Hand sogar an die Kirche des Heiligen Grabes. Pilger brachten die Kunde von diesem unglaublichen Frevel nach Europa. Die grausamen Handlungen, über welche die Pilger berichteten, waren Jahre später bei der Predigt des ersten Kreuzzuges noch nicht vergessen.

Nach der Rückeroberung Jerusalems 1099 n. Chr. zeigten sich die Kreuzfahrer wenig christlich und massakrierten die Bevölkerung rücksichtslos. Der Erfolg des 1. Kreuzzugs und die Rückeroberung Jerusalems mit der Schaffung von christlichen Staaten waren möglich, weil die damaligen islamischen Staaten des Vorderen Orients miteinander verfeindet waren. Trotz der gegenseitig zugefügten Grausamkeiten kam es später zu einem Miteinander zwischen Christen und Moslems. Zu den für Europa bedeutenden Entwicklungen in dieser Zeit gehört die Entstehung der geistlichen Ritterorden, wie z. B. der Ritterorden der Templer.

Sultan Saladin, ein Kurde, schlug die Kreuzritter 1187 n. Chr. vernichtend, womit Jerusalem zurück an die Moslems fiel. Der Sultan ließ alle Kreuze von den Kirchen entfernen und tilgte sämtliche christliche Symbole am Felsendom und an der Al-Aksa-Moschee. Die bestimmende Figur des 3. Kreuzzugs war Richard Löwenherz; 1191 n. Chr. wurde die Hafenstadt Akko zurückerobert. Richard handelte mit Saladin einen dreijährigen Waffenstillstand aus, wodurch die Küste wieder christlich wurde und Jerusalem den Pilgern offen stand. Später schloss Kaiser Friedrich II mit Sultan Al-Kamil einen Vertrag, der den Christen einen Teil des Königreichs Jerusalem für zehn Jahre beließ. 1244 n. Chr. ging Jerusalem endgültig verloren. Die Kreuzzugsbewegung hat sich mit dem Fall Akkos, welches als letzte Bastion im Heiligen Land 1291 n. Chr. von den Moslems erobert wurde, erledigt.

g) Wirksame islamische Einflüsse

Der deutsche Kaiser Friedrich II pflegte in seinem italienischen Stammland, dem Königreich Sizilien, die islamische Kultur. Er verfasste eine berühmte Abhandlung über die Kunst mit Vögeln zu jagen; diese beruht auf arabischen Quellen.

Eine Grundlage des europäischen wissenschaftlichen Denkens bilden die zwar ursprünglich indischen, aber sogenannten arabischen Zahlen. Wie umfassend der arabisch-orientalische Einfluss auf Europa war, ergibt sich aus den vielen arabischen Lehnwörtern in den europäischen Sprachen. Viele arabische Begriffe entstammen allerdings ihrerseits dem Persischen oder den indischen Sprachen.

Häufig wird das Mittelalter als eine dunkle, rückständige Zeit beschrieben. Im islamischen Herrschaftsbereich wurden auch während des Mittelalters in den Naturwissenschaften bedeutende Leistungen erzielt. Einer Phase der Bewahrung der antiken Wissenschaften folgten eigenständige Fortschritte in Astronomie, Trigonometrie, Kartografie, Algebra, Alchemie und Mathematik. Moslemische Ärzte galten als die besten ihrer Zeit. Trotz kriegerischer Verwicklungen zwischen der moslemischen und der europäischen Welt kamen über Sizilien, Spanien und dem Nahen Osten wissenschaftliche Kenntnisse und Fertigkeiten in den Westen. Auch in der Kunst des Webens von Brokat- und Seidenstoffen sowie in der Metallverarbeitung waren die Moslems den Europäern überlegen. Die Bezeichnung Damaszener-Stahlklinge verweist auf ein berühmtes Zentrum handwerklicher Kunst, auf das syrische Damaskus.

Seit dem 9. Jahrhundert zeigten sich in Europa Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Kultur. Romanische und gotische Kathedralen offenbarten nicht nur prachtvolle Kunststile, sondern auch eine Weiterentwicklung der Technik. Schon Kaiser Karl der Große wies den Klerus an, Bildung zu vermitteln. Die Scholastik hat im Hochmittelalter, also im 13. und 14. Jahrhundert, naturwissenschaftlich orientierte Gelehrte hervorgebracht, z. B. Roger Bacon, Albertus Magnus und Wilhelm von Ockham. Es existierten bereits Brillen, Windmühlen und einfache Uhren. Hildegard von Bingen verfasste im 12. Jahrhundert eine Schrift über die Heilwirkung von Kräutern. Im 16. Jahrhundert wurden die wesentlichen europäischen Lebensbereiche erneuert. Die Antike erschien als das goldene Zeitalter, welches nun eine Wiedergeburt erlebte (Renaissance). Ad fontes, zurück zu den Quellen, war die Losung für die textkritische Untersuchung antiker Texte durch die Humanisten. Die dann folgende europäische Aufklärung und die Säkularisierung ebneten den Weg für die modernen Wissenschaften.

Bedeutende geisteswissenschaftliche oder technische Leistungen hat die islamische Welt seit vielen Jahrhunderten nicht mehr hervorgebracht. Mangels durchlebter Aufklärung ist der Islam versteinert und bekämpft in seinem heutigen Zustand jeden Reformansatz. Eine Änderung dieses statischen Zustandes käme einer Revolution gleich. Der technische und wissenschaftliche Rückstand des islamischen Kulturkreises gegenüber den Industrienationen ist uneinholbar. Der daraus resultierende Minderwertigkeitskomplex führt zur Rückbesinnung auf archaisch-abergläubische Formen des Islams.

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