Eine umstrittene Kampagne von Amnesty International - Der Jihad wird amnestiert

15 März 2010

Jungle World 15 März 2010
Von Thomas von der Osten-Sacken

Wenn Amnesty International Islamisten ein Forum bietet, hat das mit dem Kampf für die Menschenrechte nichts mehr zu tun.

Es war oft das erste Mal im Leben, dass man etwas von der Lage in der Mongolei, in Guatemala oder anderen exotischen Ländern erfuhr, wenn in der hessischen Provinz Anfang der achtziger Jahre einige Mitglieder der Ortsgruppe von Amnesty International (AI) vor dem lokalen Einkaufszentrum standen und Unterschriften für die Freilassung politischer Gefangener sammelten. Ausgewogen waren sie damals, mal ging es um einen sowjetischen Dissidenten, mal um einen Gewerkschafter in Argentinien.

Eines mussten die, um die man sich kümmerte, immer sein, damit Amnesty sich für ihre Freilassung engagierte: politische Gefangene, die gewaltfrei für ihre Anliegen eintraten.

Nun, 30 Jahre später, ist Amnesty eine global tätige NGO. Wie Human Rights Watch auch hat AI hunderte von Angestellten, die alimentiert werden wollen, verfügt über professionelle PR-Agenten und »Consultants«.

Doch das Schicksal irgendeines Gewerkschafters ist für das Fundraising nicht spektakulär genug. Die großen Themen sind gefragt, man sucht die Nähe zur globalisierungskritischen und Friedensbewegung und engagiert sich insbesondere gegen den »War on terror«.

Die britische Amnesty-Sektion hat nun einen besonderen Coup gelandet. Nachdem man sich für die Freilassung diverser Häftlinge in Guantánamo eingesetzt hat, von denen keiner seine Sympathie für die Taliban je geleugnet hatte, begann man mit den Freigelassenen, die eine Organisation namens »Cageprisoners« gegründet haben, eine Kampagne für die Schließung des Gefangenenlagers.

Ein Repräsentant dieser Kampagne ist Moazzam Begg, der kürzlich auch im Rahmen einer Amnesty-Veranstaltung in Berlin auftreten durfte. Eine solche Kooperation war einer couragierten Mitarbeiterin von Amnesty dann doch zu viel. Gita Sahgal kritisierte öffentlich ihre eigene Organisation.

Sich für die Rechte auch von gefangenen Islamisten einzusetzen, sei eine Sache, doch müsse gefragt werden, warum man ausgerechnet mit jemandem kollaboriere, der die Taliban lobte als »besser als alles, was Afghanistan in 25 Jahren hatte«, und nachweislich engste Kontakte zur Szene der Jihadisten pflegte.

Sahgal wurde wegen dieser Kritik suspendiert. Mitterweile haben sich Prominente wie Salman Rushdie und Christopher Hitchens mit ihr solidarisiert. Die Nähe zu dubiosen Personen und Organisationen aus islamischen Ländern ist jedoch kein Einzelfall.

Erst vergangenes Jahr wurde bekannt, dass Human Rights Watch bei einer Fundraising-Tour in Saudi-Arabien die dortigen Sheikhs bat, die Auseinandersetzungen ihrer Organisation mit »israelischen Pressure Groups« zu honorieren.

Die deutsche Nahost-Expertin von AI, Ruth Jüttner, war noch im Jahr 2008 gern gesehener Gast einer Konferenz, bei der sie Seite an Seite mit Apologeten des »irakischen Widerstands« saß.

Mit dem Anliegen jener engagierten Amnesty-Mitglieder, die in der hessischen Provinz bei jedem Wetter Unterschriften sammelten, hat all dies leider nur noch wenig zu tun.

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