EuropeNews-Interview mit Christian Jung

30 Januar 2012
EuropeNews-Interview mit Christian Jung

Christian Jung (links) und Marco Pino (rechts), gemeinsam mit dem renommierten Islamkritiker Robert Spencer

Mehrere ehamlige Funktionäre der Partei "Die Freiheit" rund um Christian Jung, Marco Pino und Felix Strüning starten heute ihr neues Projekt: "blu". Das Kürzel steht für "bürgerlich, liberal, unabhängig".

Die Organisation will sich als politischer Verein etablieren. Zum Angebot des Vereins gehört die Seite "blu-news.org", die als alternatives, unabhängiges Medium für klassisch bürgerlich-liberale Inhalte und Meinungen etwickelt werden soll. "blu-news.org" geht heute online, passend dazu stellt sich der ehemalige bayrische Landesvorsitzende der Freiheit, Christian Jung, den Fragen von EuropeNews: über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

EuropeNews: Herr Jung, es ist jetzt gut sechs Wochen her, dass Sie die Partei "Die Freiheit" gemeinsam mit Marco Pino, Felix Strüning und anderen verlassen haben. Mal ehrlich: bereuen Sie diesen Schritt nicht doch ein wenig?

Jung: Natürlich ist es schade, irgendwo. Wir alle haben viel Zeit und Kraft in dieses Projekt investiert. Und ich muss auch sagen: es war eine anstrengende, aber schöne Zeit. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt und viele wichtige Erfahrungen gesammelt. Aber die Partei zu verlassen war richtig. Das hat der Bundesparteitag doch gezeigt. René Stadtkewitz hat damals die "Agenda für die FREIHEIT" von Marco Pino und mir als "CDU2.0" stigmatisiert, und sich gleichzeitig demonstrativ hinter Michael Stürzenberger gestellt. Die Partei hat dem zugestimmt, so wie sie mit der Wahl Stürzenbergers in den Vorstand auch dessen "Thesenpapier" faktisch zugestimmt hat. Mit anderen Worten, unser Wunsch nach seriöser Politik war mit dieser Partei nicht vereinbar, das Thesenpapier von Michael Stürzenberger anscheinend schon. So wurde es von vielen verstanden. Deswegen die Austritte. Die Leute fühlten sich politisch schlagartig nicht mehr heimisch in dieser Partei. Ich übrigens auch nicht.

EN: Aber war es denn nicht so, dass Sie mit Pino und anderen die Partei kapern und auf einen weicheren, politisch-korrekten Kurs bringen wollten? Einen Kurs mit weniger Islamkritik?

Jung: Das wurde geschickt so dargestellt. Mal ehrlich: Marco Pino zum Beispiel, über den vor wenigen Monaten noch der Spiegel schrieb, er als "Frank Furter" sei der "Staragitator der islamkritischen Szene", hat als Autor auf PI und danach auf CitizenTimes nie ein Blatt vor den Mund genommen wenn es darum ging, den Islam zu kritisieren. Ich habe als bayrischer Landesvorsitzender einige Projekte voran getrieben, zum Beispiel unsere Kampagne gegen das ZIEM. Ich wundere mich bis heute, dass so viele Parteimitglieder auf dieses "CDU2.0"-Geschwätz reingefallen sind. Das war und ist Quatsch. Aber das lag vielleicht auch gerade an Michael Stürzenberger, gegen den ja selbst Thilo Sarrazin, Necla Kelek, Henryk M. Broder und "Frank Furter" wie "weichgespülte Politikorrekte" erscheinen. Als Partei muss man nur eines berücksichtigen: man kann sich nicht selber wählen. Am Ende zählen nicht 100 Prozent Zustimmung im Kommentarbereich irgendeines Internetblogs, sondern mindestens fünf Prozent Zustimmung bei der Wählerschaft. Das haben viele in der Freiheit nicht verstanden.

EN: Sie üben heftige Kritik an Ihrer ehemaligen Partei. René Stadtkewitz beklagte neulich in einer Pressemitteilung, dass "ehemalige Mitglieder, die vor Kurzem noch Feuer und Flamme für unser Projekt waren, nun ihre Zeit damit verbringen, dem Projekt maximal zu schaden".

Jung: Ohje, ja klar. Ich weiß, vor allem Marco Pino wird aus Kreisen der Freiheit vorgeworfen, dass er "nachtreten" würde. Die Wahrheit ist: Pino hat Anfang Januar einen Kommentar auf CitizenTimes veröffentlicht, in dem er seinen Schritt rechtfertigte. Das war sein gutes Recht. Felix Strüning hat sich im Grunde gar nicht geäußert. Ich – bis auf eine harmlose Stellungnahme gegenüber der JF - auch nicht. Zumindest bis heute. Auf der anderen Seite wurden auf der Homepage der FREIHEIT gleich nach unseren Austritten mehrere Artikel veröffentlicht, die uns die wildesten Dinge unterstellten. Dazu das ständige Ablästern in verschiedenen Foren. Und auf PI wurden Anfang des Jahres die Parteitags-Reden von Stadtkewitz, Doll und Stürzenberger veröffentlicht, beziehungsweise glorifiziert. Doch wenn sich mal wer von uns zu Wort meldet, heißt es, wir würden nachtreten? Das ist doch lächerlich.

Schauen Sie, Stadtkewitz hat sich in seiner besagten Rede geradezu abwertend über verdiente Parteimitglieder geäußert. Pino zum Beispiel hat er als "Ersatzteilverkäufer" bezeichnet, der nicht im Stande wäre, die Grundlagen unserer Verfassung zu verstehen. Abgesehen davon, dass die Berufsbezeichnung "Ersatzteilverkäufer" nicht stimmt, sondern sehr dispektierlich ist: Wissen Sie eigentlich, was Pino im letzten Jahr für die Freiheit und insbesondere Stadtkewitz geleistet hat? Kaum einer weiß das. Ich schon. Mögen die Details unser Geheimnis bleiben. Aber diese Rede habe ich als bodenlose Frechheit empfunden. Wirklich abscheulich, wenn man die Hintergründe kennt. Da ist Stadtkewitz der letzte, der sich hier als Moralpostel aufspielen sollte. Er täte vielmehr gut daran, sich endlich mal selbstkritisch zu fragen, warum diese Leute ausgetreten sind, die so lange "Feuer und Flamme" für das Projekt waren. Das tut man nämlich nicht einfach so.

Abgesehen davon spreche ich glaube ich im Namen aller Ausgetretenen, wenn ich sage, dass es von uns aus nun genug sein soll. Geht Ihr Euren Weg, wir gehen unseren. Aber: wenn die Freiheit, wie zum Beispiel neulich in diesem PI-Beitrag über die Generation Freiheit, Unwahrheiten über uns, unsere Motive und die Hintergründe unserer Austritte verbreitet, dann zwingt uns das irgendwann auch mal zu Reaktionen. Ich würde da gerne drauf verzichten...

EN: Sie behaupten, es wurden Unwahrheiten über Ihre Motive und die Hintergründe Ihres Austritts verbreitet? Da müssen wir aber doch noch mal nachhaken! Was meinen Sie damit?

Jung: Ach, das geht doch schon so, seit Stürzenberger sein Thesenpapier veröffentlicht hat. Auf PI kommt quasi nur die Stürzenberger-Fraktion zu Wort, verbreitet dort seine Sichtweise. In dem besagten Artikel hieß es beispielsweise, dass sich im bayrischen Landesvorstand wegen Ralf Uhlemann ein "Richtungsstreit um die Islamkritik" entzündet hätte. Das ist doch 100-prozentig die verzerrte Darstellung von Stürzenberger. Alle anderen ehemaligen Vorstandsmitglieder haben das anders in Erinnerung.

Das ist übrigens eine interessante Geschichte. So ist nämlich auch das Thesenpapier entstanden. Wir haben uns damals im Vorstand für das ZIEM-Projekt auf eine Strategie geeinigt. Wir wollten seriös auftreten, denn wir mussten schließlich 30.000 Unterschriften sammeln. Da muss man auch an die Menschen rankommen, die vielleicht noch nicht so "allumfassend" und "vollumfänglich" über den Islam "aufgeklärt" sind, wie ein Michael Stürzenberger. Aber der war natürlich anderer Meinung. Und hat sich nicht an den Vorstandsbeschluss gehalten, sondern ist los marschiert wie ein Irrer, als wir auf dem Marienplatz Unterschriften sammeln wollten. Das war schon gespenstig, wenn ich ehrlich bin. Da standen wir andere da und fragten uns: wieso vergrault der jetzt die Leute? Daran, genau daran hat sich der Streit im Vorstand entbrannt. Wir haben ihm vorgeworfen, dass er sich nicht an Absprachen gehalten hat. Und was war Michaels Reaktion darauf? Er ist wutenbrannt abgedüst. Wenig später stand jenes Thesenpapier im Netz, das am Ende die Partei gespalten, vielleicht sogar zerstört hat. Und jetzt behauptet er, an Ralf Uhlemann sei der Streit entbrannt? Unglaublich!

Aber gut, nun kann er ja zeigen, dass wir uns alle geirrt haben, indem er die 30.000 Unterschriften auf seine Weise sammelt. Ich bin sehr gespannt, ob das was wird. Wir werden sehen.

EN: Ja, wir werden sehen. Nun schauen wir nach vorne. Heute startet Ihr neues, gemeinsames Projekt "blu". Was genau haben Sie vor? Ein neues Blog? Oder gar eine eigene Partei?

Jung: Ohje, bloß keine Partei (lacht). Nein, blu soll ein politischer Verein werden. Derzeit arbeiten wir an einer Satzung, die Gründung wird irgendwann in zwei oder drei Monaten erfolgen. Wir lassen uns Zeit. Es besteht kein Handlungsdruck. Was wir nun machen: wir starten unsere ersten beiden Module. Das eine ist blu-net, unser internes Netzwerk. Da wollen wir unsere Leute zusammen bringen, ehemalige Freiheitler, andere, die uns nahestehen. Wir wollen dort erstmal im kleinen Kreis konzeptionell und programmatisch arbeiten. Später, wenn der Verein steht, werden wir das Netzwerk für neue Mitglieder und Interessierte öffnen. Das zweite ist blu-news.org, unser eigenes Nachrichten- und Meinungsportal. Dort werden wir tagesaktuell berichten, getreu unserem Motto: bürgerlich, liberal, unabhängig.

Wichtig ist, dass dies nur die ersten Schritte sind. Langfristig haben wir noch mehr vor, wollen auch politisch Einfluss nehmen. Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt konzentrieren wir uns auf den medialen Bereich, um erstmal Fuß zu fassen. Das ist ohnehin mit das wichtigste. Ich glaube mittlerweile, dass wir in Deutschland nur sekundär ein politisches Problem haben. Primär haben wir ein mediales Problem. Denn die Medien sind das Interface zwischen Bevölkerung und Politik. Sie schaffen es zwar nicht, die Menschen komplett umzuerziehen. Zum Glück! Aber sie schaffen es doch zumindest, die Politik vor sich her nach links zu treiben. Und sie schaffen es, nicht-linke Parteien aus den Parlamenten rauszuhalten. Das wird sich auch so schnell nicht ändern. Aber wir wollen zumindest versuchen, einen Beitrag zu leisten, dass sich das ändert, zusammen mit anderen, "politisch inkorrekten" Medien.

EN: "blu" soll also ein politischer Verein werden und gleichzeitig ein Medium? Passt das denn zusammen?

Jung: Absolut! Schauen Sie, wie eng die Etablierten mit den Medien verbandelt sind: bei den Öffentlich-Rechtlichen üben die Parteien großen Einfluss aus. Bei Bertelsmann ist es sogar noch schlimmer: da übt die Bertelsmann-Stiftung großen Einfluss auf die Politik aus. Wir werden nun versuchen, ein alternatives Medium aufzubauen, das sich politisch inkorrekt, provokativ, aber auch seriös, sachlich und anspruchsvoll mit den wichtigsten Themen dieser Zeit auseinander setzt und klassisch bürgerlich-liberalen Meinungen neuen Raum gibt. Und wir tun das unabhängig, als Verein. Ein Verein mit dem Ziel, für bürgerlich-liberale Positionen und Politik zu werben. Heute medial, morgen, wenn möglich, an allen Fronten, auf allen Ebenen, aus allen Rohren.

EN: Wie stellen Sie sich denn Ihr politisches Engagement langfristig vor?

Jung: Wichtig ist erstmal: wir halten uns alle Möglichkeiten offen. Vielleicht gründen wir sogar wirklich eine Partei zu einem späteren Zeitpunkt. Oder wir schließen uns einer anderen Bewegung an, wenn das aussichtsreich erscheint. Bis dahin arbeiten wir als Verein. Wir wollen lokal Teil der Gesellschaft werden, erstmal in den Ballungsräumen, in denen wir aktiv sind. Wir wollen zum Beispiel Bürgerinitiativen und Volksentscheide unterstützen, auf der Straße für unsere Positionen werben. Und als Verein haben wir die Möglichkeit, überparteilich zu agieren und da, wo es Sinn macht, mit anderen Parteien zu kooperieren.

EN: Wer ist denn bislang alles dabei, bei "blu"?

Jung: Neben meinen Partnern Marco Pino und Felix Strüning sind beinahe alle ehemaligen Landesvorstände der Freiheit von Hessen und Bayern dabei, zudem noch mehrere ehemalige Parteimitglieder. Gespräche bestehen außerdem mit Ex-Freiheitlern im ganzen Land. Die sind auch alle eingeladen, sich uns anzuschließen. Darüber hinaus reden wir natürlich mit Leuten, die nicht in der Freiheit waren. Allerdings wollen wir zumindest am Anfang in einer verantwortbaren Geschwindigkeit wachsen.

EN: Und welche Rolle wird Islamkritik bei Ihrem neuen Projekt spielen?

Jung: Bei weitem nicht die einzige, aber eine sehr wichtige. Genauso wie Wirtschafts-, Finanz-, Europapolitik, Innere Sicherheit und Direkte Demokratie – um noch ein paar weitere Schwerpunkte zu nennen. Was das Thema Islamkritik angeht: Es ist doch nun mal so, dass es Integrationsprobleme in Deutschland fast ausschließlich mit Muslimen gibt, und dass sie die einzige Gruppe sind, bei der die Probleme von Generation zu Generation sogar noch größer werden. Und der Grund dafür ist, man kann es gar nicht oft genug sagen, der Islam.

Also: wenn wir die Probleme lösen wollen, müssen wir an das Thema ran. Aber nicht irgendwo im hintersten Winkel des Internets. Wir müssen als Islamkritiker raus aus der Bloggosphäre, raus aus der Isolation, rein in die Gesellschaft, Teil der Auseinandersetzung werden. Bei einer Sitzung von Pax Europa habe ich einmal in die Runde gefragt, warum wir in einem Hinterzimmer sitzen und nicht im Münchner Olympia-Stadion. Das muss das Ziel von uns allen sein, egal in welcher Organisation wir uns engagieren: wir müssen raus aus den Hinterzimmern, rein ins Olympiastadion! Soll sich bitte jeder selbst fragen, was dafür nötig ist und wie dieses Ziel zu erreichen wäre.

EuropeNews: Dann freuen wir uns fortan auf viele interessante Beiträge auf blu-news.org. Herr Jung, vielen Dank für das Gespräch.


Ein neues bürgerlich-liberales Politik-Netzwerk: Blu-NEWS.org "bürgerlich, liberal, unabhängig"



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