Frauen im Islam - zwischen Unterdrückung und Selbst-Ermächtigung

Cibedo - 09 März 2007 - Von Hildegard Becker

Women in Islam - Between Oppression and (Self-)Empowerment (Frauen im Islam - zwischen Unterdrückung und ‘Selbst- Ermächtigung’) Eine Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, Köln 7.-9.3.2007

„Frauen im Islam“ – das ist ein komplexes Thema, ganz zu schweigen von den enormen Unterschieden in den verschiedenen Ländern. Welten liegen zwischen der Lebenspraxis muslimischer Frauen in Pakistan und in Frankreich, um nur ein Beispiel zu nennen. Dabei spielen die politischen und sozialen Verhältnisse, der Bildungsstand und das Land-Stadt-Gefälle eine erhebliche Rolle.

Eines aber führt immer mehr muslimische Frauen zusammen: der Wille, sich aus patriarchalen Verhältnissen zu lösen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie wollen sich nicht mehr von Männern sagen lassen, was sie zu tun haben oder nicht tun dürfen – sie wollen Herrinnen im eigenen Haus sein. Veränderungen sind also angesagt. Von „Gender Jihad“ ist die Rede. Gemeint ist der Kampf (die „Anstrengung“) von Frauen für die Anerkennung und Durchsetzung ihrer Rechte; gefordert wird Gleichberechtigung auf rechtlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Gemeint ist aber auch der „Kampf gegen die männliche chauvinistische, homophobe und sexistische Lesart der heiligen Texte“ des Islam, wie es auf dem ersten internationalen Kongress des islamischen Feminismus (Oktober 2005) in Barcelona/Spanien hieß.

All das war auch Thema auf der internationalen Fachkonferenz vom 7. bis 9. März 2007, die die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ausgerichtet hat. Der Weltfrauentag am 8. März war dazu ein guter Anlass. Unter der Schirmherrschaft der Islambeauftragten und SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Lale Akgün trafen sich in Köln 180 islamische Aktivisten, die meisten von ihnen Frauen, aus 14 Ländern und 4 Kontinenten, um über „Women im Islam – Between Oppression and (Self-)Empowerment“ zu diskutieren und gemeinsame Perspektiven für ihre Arbeit zu entwickeln. Es war eine einmalige Gelegenheit zum Kennenlernen der unterschiedlichen Problemlagen, aber auch zur Vernetzung der Initiativen und Projekte, die während der Konferenz vorgestellt wurden. Hier wurde der noch relativ jungen Bewegung des Feminismus im Islam und deren Anliegen eine öffentliche Plattform zum Austausch geboten – ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Frauen zu einem öffentlichen Selbstbewusstsein.

Besonders eindrucksvoll zeigte sich dabei die Bandbreite der Aktivitäten im Zusammenhang mit den Frauenrechten im Islam. Das Spektrum reicht von „Graswurzelbewegungen“ wie „Rahima“ in Indonesien, mit ihrer Bildungsarbeit in Schulen und Gemeinden, bis zu Initiativen wie BAOBAB in Nigeria. Ohne den Anspruch der Vollständigkeit sollen an dieser Stelle einige davon vorgestellt werden.

Beginnen wir mit BAOBAB. Mufuliat Dasola Fijabi aus Lagos berichtete über diese Organisation „Frauen und Recht“, die 1996 als ein Versuch der Frauen-Solidarität innerhalb der Frauenforschung in Nigeria gegründet wurde – einem Land, in dem 1999 auf der Grundlage eines rigorosen Islam-Verständnisses die Gesetze verschärft wurden. Die Rolle des Patriarchats sei ein wichtiges Thema, führte die Referentin aus. Aber die Frauen hätten auch die aktuellen Steinigungsprozesse verfolgt und Berufung eingelegt. Doch das war schwierig und gefährlich. Todesdrohungen blieben nicht aus. Das aber schüchtert sie nicht ein. Sie haben besonders im islamisch geprägten Nord-Nigeria versucht, eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen, um den Frauen mehr Rechte auf Selbstbestimmung zu verschaffen. Die Steinigungsurteile sollen nicht mehr totgeschwiegen werden. (Website: www.baobabwomen.org ). Gerade in Ländern wie Nigeria (oder auch Sudan) gehört viel Schneid dazu, gegen den Strom zu schwimmen und für Frauenrechte einzutreten. Es ist das Verdienst solcher Konferenzen wie dieser, den mutigen Frauen, die sonst kaum gehört werden, eine Stimme zu geben.

Anders gelagert ist die Situation der Frauen im Libanon, wo LECORVAW (Lebanese Council to Resist Violence against Women) sich der Gewalt gegen Frauen widersetzt. „Gender Battle“ (Geschlechter-Kampf) heißt ihr Schlagwort. Nach außen hin lebe die Libanesin „modern“, führte Lapid Sidoni, Beirut, aus, und vor dem Gesetz sei die Gleichheit gesichert. Dennoch sei im Alltag die Frau dem Mann untergeordnet; manchmal werde Gewalt gegen Frauen sogar religiös legitimiert und vor allem: „Es gibt keinen religiösen Text, der die Frauen im Alltag schützt.“ Die Libanesin, ob Muslimin oder Christin, existiere nur durch ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, und es gebe eine starke Abhängigkeit gegenüber der Familie. Unter diesen sozialen Rahmenbedingungen müsse die Organisation arbeiten. Am Sorgentelefon kämen Anrufe aus allen Schichten. Jetzt diskutiert man mit Politikern, um Gewalt gegen Frauen unter Strafe zu stellen und das Gewalt-Tabu zu brechen.

In Marokko, so Fatima-Zahra Zryouil, sei der Islam „nicht festgefahren“. Unter dem Motto „Frauen, Demokratie und islamische Gesetze“ seien schon in den 1980er Jahren viele Initiativen entstanden, die auf die Parteien Druck ausübten, um Frauenrechte durchzusetzen. Zur Zeit gibt es 35 weibliche Abgeordnete. Das Familienrecht ist in Marokko seit den 1990er Jahren modernisiert worden. Als die Organisation für die Befreiung der Frau eine Aktion mit großer Beteiligung durchführte, machten Islamisten eine Gegenaktion. Sie gingen so weit zu sagen, diese Frauen wollten die Familie zerstören. Der Widerstand der Islamisten richtete sich auch gegen König Mohammed VI., dessen Reformen zu Gunsten der Frau über die Erwartungen hinaus gegangen seien, wie die Referentin meinte. Sie betonte, dass die internationale Unterstützung für die Frauen in Marokko sehr hilfreich war. Und sie fügte hinzu: „Nur ein starker demokratischer Rahmen kann die Freiheiten ermöglichen, die notwendig sind, um weiter zu kommen. Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs zur Demokratie, und diese ist nur mit der Gleichberechtigung der Frau möglich.“ Diese Erkenntnis trifft sicher nicht nur auf Marokko zu, und die dortigen Erfahrungen haben vielleicht Einfluss auf andere Länder im Übergang zur Demokratie. Sie bleiben, so die Hoffnung, nicht isoliert.

In Ägypten versuchen Forscher und Forscherinnen, die Klischees über die arabische Frau zu hinterfragen, so Amal About El Fadl (The Women and Memory Forum – www.wmf.org ). Ziel des Projektes ist nicht nur eine Kulturanalyse der arabischen Welt, sondern man will auch Stimmen von Frauen artikulieren und festhalten. Die Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert zwei Broschüren, die beim Erfahrungsaustausch helfen sollen. Es sind Materialien in populär-wissenschaftlicher Form für Erzieher. Dabei wird die Form des „Geschichtenerzählens“ gewählt. Es gibt auch ein Online-Magazin – www.boswtol.com – mit Jugend orientierten Informationen; sie gilt als die zweithäufigst besuchte Website in Ägypten. Sex, Politik und Religion sind die Themen. Da werde auch über Sex Klartext geredet und z.B. gesagt: „Sex ist weder unanständig noch sündig.“ Man weiß, dass junge Leute wenig Wissen über den Islam haben, und man versucht, mit ihnen in Dialog zu treten.

In Europa haben Musliminnen natürlich andere Problemschwerpunkte als in arabischen, asiatischen und afrikanischen Ländern. Da eine große Zahl von Muslimen – vor allem unter „säkularen“ Muslimen – den politischen Islam und auch den traditionellen bis ultraorthodoxen Islam ablehnen, haben einige engagierte Männer und Frauen vor ein paar Jahren in Zürich das „Forum für Fortschrittlichen Islam“ (FFI) gegründet, dessen Mitgründerin und Vorsitzende, die in Tunesien gebürtige Saida Keller-Messahli, erläuterte, wie es dazu kam. Der muslimische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb („Die Krankheit des Islam“) habe gespürt, dass in der arabischen Welt etwas aus den Fugen geraten ist. Seine Analyse habe den Anstoß gegeben für die Gründung des FFI, das den Muslimen und Nicht-Muslimen Mut machen will, allen Erscheinungsformen in der islamischen Welt, die sich gegen die Menschenrechte richten, mit offener Kritik entgegenzutreten. Für das Forum gebe es drei Säulen: Demokratie, internationales Recht und die universelle Menschenrechtserklärung. Und innerhalb dieser Säulen gebe es einen großen Nachholbedarf in Bezug auf die Interpretation des Koran. Auch das FFI ist von Drohungen nicht verschont geblieben. Aber, so Saida Keller-Messahli: „Wer etwas tut, muss Position beziehen, sonst hat es keinen Sinn. Und wir wollen auch nicht, dass irgendwelche Männer (gemeint sind vor allem die Islamverbände, die auch in der Schweiz nur eine geringe Zahl von Muslimen vertreten) in unserem Namen auftreten.“

In den Niederlanden betätigt sich die „Stichting Al Nisa“ mit Sitz in Utrecht (2006 feierte sie ihr 25-jähriges Bestehen und gab ein Manifest heraus) mit 1000 bis 1500 Mitgliedern in der Frauen-, Jugend- und Kinderarbeit. Sie spielt auch eine aktive Rolle im gesellschaftlichen Diskurs über den Islam.

Und in England gibt es das Netzwerk SHARQ – British Muslims for Secular Democracy mit einem „Arab lifestyle magazine (www.bmsd.org.uk und www.shark.co.uk ). Reem Maghribi (London) sagte: „Mit diesem von einer Journalistin initiierten Magazin schauen wir im Geiste der Gerechtigkeit des Islam auf die Grundsätze des Koran.“

Mit einer frauengerechten Koran-Interpretation versuchen sich in Deutschland z.B. das „HUDA-Netzwerk für Muslimische Frauen“ (Karima Körting-Mahran) (www.huda.de ) und das „Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung“ – ZIF (Miyesser Ildem) Köln (www.zif-koeln.de ).

Die Bemühungen des ZIF um eine zeitgemäße Hermeneutik des Koran finden allerdings kaum Resonanz im (sehr traditionell geprägten) muslimischen Umfeld und – wenngleich hofiert von einigen christlichen Förderern bzw. Dialog-Aktiven – stoßen sie auf Zurückhaltung bei denen, die den Hintergrund der ZIF-Gründerinnen und heutigen Aktivistinnen zur Kenntnis nehmen. Dieser Hintergrund ist allerdings nicht sonderlich bekannt und wird vom ZIF auch – ob bewusst oder nicht, sei dahin gestellt – gern verschwiegen. Zu den Hauptgründerinnen gehörte Amina (oder Emine) Erbakan, Schwägerin des türkischen Islamistenführers Necmettin Erbakan und Mutter des vorübergehenden Vorsitzenden der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“, Mehmet Sabri Erbakan. Sie nennt sich heute „Luise Becker“.

Die Namensänderung mag – falls sie sich etwa nicht mehr mit der islamistischen Vergangenheit ihrer Familie und der heutigen „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) identifizieren will – verständlich und auch legitim sein. Irritierend erscheint, dass eine derartige Distanzierung nicht erfolgt. Irritierend ist freilich für viele Beobachter der Szene auch, dass die Identität (Luise Becker = Emine Erbakan) selten klargestellt und von ihr selbst auch nicht öffentlich gemacht, wenngleich gegenüber Bekannten nicht bestritten wird. Verständnis erhielte sie sicher, wenn sie deutlich kundtäte, dass sie die islamistische Ideologie der IGMG und ihres Schwagers Necmettin Erbakan ablehnt. Das würde auch dem Ruf und der Arbeit des ZIF nützen. Hinzu kommt, dass auch die Tochter von Emine Erbakan, Sabiha El-Zayat, aktiv in dieser Einrichtung mitwirkt. Deren Ehemann, Ibrahim El-Zayat, ist Vorsitzender der „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD), die laut Verfassungsschutz und anderen Kennern der Szene durch die islamistische Muslimbruderschaft und ihre Ideologie gekennzeichnet ist. Ibrahim El-Zayat hat außerdem seit Jahren eine wichtige Funktion in der „Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft“ (EMUG). Die EMUG verwaltet die nicht unbeträchtlichen Liegenschaften der IGMG. Kennern dieser Zusammenhänge fällt es schwer, den durchaus wichtigen Bemühungen des ZIF zur Förderung einer feministischen Auslegung des Koran unvoreingenommen die Beachtung und das Vertrauen zu schenken, das ihnen vielleicht zukäme. Diese Zusammenhänge wurden natürlich während der Frauenkonferenz in Köln nicht thematisiert.

Die ZIF-Interpretationen bestimmter frauenbezogener Koran-Suren lehnen sich an ähnliche Publikationen im englischsprachigen Raum an. Grob und vereinfacht kann man im internationalen „Islamischen Feminismus“ von zwei Ansätzen sprechen. Die einen wollen innerhalb des islamischen Systems bleiben und den Koran neu und frauengerecht interpretieren (so etwa das ZIF), den Islam also von innen heraus verändern. Damit wollen sie patriarchalische Deutungen entkräften. Die anderen sehen das nicht als aussichtsreich genug an und wollen, dass der Koran „kontextuell“ interpretiert wird, d.h. dass die frauenfeindlichen Passagen im historischen Zusammenhang gelesen und für unsere heutige Zeit als nicht mehr relevant und zeitgemäß betrachtet werden – etwa so wie die christliche Theologie es mit bestimmten Kapiteln des Neuen Testaments gemacht hat. Unterdrückung und Subordination der Frau, so sagen sie, sei nicht im Islam begründet, sondern basiere auf einer einseitig männlichen und im Zeitkontext zu verstehenden Auslegung des Koran.

Für viele orthodoxe Muslime und Musliminnen erscheint die zweite Variante immer noch wie eine „Neuerfindung des Islam“. Sie befürchten, dass damit eine Abkehr von der Religion als solcher verbunden werden könnte. Vielmehr müsse nur der „wahre Islam“, der nach ihrem Verständnis für die Frauenrechte ist, freigelegt werden. Sie wollen zu dem zurück, was sie für den „Islam des Ursprungs“ halten. Dieser, so meinen sie, sei durchaus mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar – was zu beweisen wäre.

Auf der Kölner Frauenkonferenz ist man auf die Ansicht der iranischen Juristin Shirin Ebadi, Trägerin des Friedensnobelpreises, allerdings nicht eingegangen. Sie ist nämlich der Meinung, dass es einen islamischen Feminismus gar nicht gebe. Sie sagt, wenn man Musliminnen eine spezifische Art von Gleichberechtigung zuspreche, stelle man kulturelle Besonderheiten über den allgemein eingeführten Begriff von Menschenrechten und gefährde letztlich deren universellen Charakter. „Es ist die herrschende patriarchale Kultur, die eine Gleichberechtigung von Frauen und Männern verhindert. Der Islam ist nur ein Vorwand“, sagt sie. „Es gibt kein islamisches oder nicht-islamisches Menschenrecht.“ (Zitat nach einer Publikation des IFA – Institut für Auslandsbeziehungen.) Wie die marokkanische Frauenrechtlerin Fatema Mernissi und die Ägypterin Nawal Saadawi meint Shirin Ebadi freilich, Musliminnen könnten durchaus auch Feministinnen sein. „Die Regeln des Islam sind veränderbar. Man muss sich nur einer Auslegung bedienen, die der aktuellen Situation angepasst ist.“

Eine zeitgemäße Auslegung des Islam ist, so Myesser Ildem auf der FES-Frauenkonferenz in Köln, auch Ziel des „Zentrum für Frauenforschung“ (ZIF). „Die Texte des Islam müssen neu ausgelegt werden, damit wir den Missständen die theologische Basis nehmen.“ Demgegenüber forderte die Ägypterin Nahed Selim „ein neues Verständnis der Texte“ – nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem Geist des Koran: „Wir leben nicht mehr im 7. Jahrhundert.“ In der Zielsetzung unterscheiden sich diese beiden Diskurs-Richtungen nicht, wohl aber in den Ansätzen. Es gibt Suren, die einfach ungerecht seien, sagt Nahed Selim, z.B. dass zwei Frauen für einen Mann vor Gericht Zeugen sein müssen oder bestimmte Suren über das Erbrecht. „Die Sklaverei ist ja auch abgeschafft worden. Warum also kann man nicht andere überholte Dinge abschaffen, anstatt sich auf Suren zu berufen?“

Einwände von orthodoxen Musliminnen und Muslimen waren zu erwarten – zum Beispiel, dass nicht jeder einfach den Koran interpretieren könne; das müsse man den Theologen überlassen. Dagegen protestierten Frauenrechtlerinnen wie etwa Saida Keller-Messahli vehement. Es werde doch immer gesagt, der Koran sei so einfach, jeder könne ihn verstehen, deshalb gebe es im Islam ja auch keinen Klerus. Jeder habe das Recht, den Koran zu deuten. „Gott hat uns ein Gehirn geschenkt,“ sagte sie. „Wir brauchen aber eine Interpretation, die vom geschichtlichen Zusammenhang ausgeht.“

Damit traf sie sich mit Nahed Selims These, die diese auch in ihrem Buch mit dem Titel „Nehmt den Männern den Koran“ dargelegt hat: „Wir müssen die Grundsätze, die Ziele des Koran verstehen,“ sagt sie. „Indem wir den Wortlaut interpretieren und durch andere Worte ersetzen, werden wir weiter gezwungen, diese Regeln auf unser Leben anzuwenden,“ – will sagen: mit einer neuen Wort-Übersetzung bleibt man systemimmanent.

Ein Beispiel ist die Interpretation des Koranverses 4,34 – ein Vers, der zu vielen Kontroversen geführt hat, weil er das Schlagen von Frauen erlaubt. Für das ZIF war das ein Anlass, sich in einer Publikation mit diesem Vers zu beschäftigen – eine Gelegenheit, „die patriarchale Koranauslegung zu hinterfragen und die Möglichkeiten aufzuzeigen, die ein hermeneutischer Umgang mit dem Korantext für eine geschlechtergerechte Auslegung bietet.“ ( http://www.al-sakina.de/inhalt/artikel/frauen_islam/4_34/4_34.html )

In den offiziell anerkannten Koran-Übersetzungen (hier Rudi Paret) heißt es: Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen?) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben Acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) Acht gibt. Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie!...

Das ZIF übersetzt und erläutert den Vers wie folgt: “Die Männer stehen ein für die Frauen, wegen dem womit Allah die jeweils einen vor den jeweils anderen ausgezeichnet hat, und weil sie (als die wirtschaftlich Unabhängigen) aus ihrem Vermögen (Unterhalt und Versorgung) ausgeben. Darum sind loyale Frauen (Allah gegenüber) ergeben. (Sie sind) diejenigen, welche die Geheimnisse (der Ehe, was nicht öffentlich gemacht wird und Außenstehenden verborgen bleiben soll), gemäß Allahs Weisung bewahren. Und wenn ihr annehmt, dass Frauen einen Vertrauensbruch begehen, besprecht euch mit ihnen und (falls keine Veränderung eintritt) zieht euch (zunächst) aus dem Privatbereich zurück (meidet Intimitäten) und (als letztes) TRENNT EUCH VON IHNEN (adribuhunna). Wenn sie zur loyalen Haltung zurückkehren, so sucht gegen sie keine Handhabe (um ihnen zu schaden).

Von besonderer Relevanz ist, dass „Gehorsam“ durch „Loyalität“ ersetzt wird. Und an Stelle des „Schlagens“ der Frauen ist von „Trennung“ (Scheidung) die Rede. Das klingt zwar „sympathisch“, kontrovers unter Muslimen bleibt aber die Frage, ob der arabische Text eine solche Deutung zulässt. Zahlreiche Fachleute, die des Arabischen kundig sind, sehen darin eine unzulässige Verfälschung des Textes, denn das arabische Wort „dharaba“ bedeute nun mal „schlagen“ („adhribu!“ = Schagt!). Die Bedeutung „sich von jemandem abwenden“, verlassen oder meiden ergebe sich nur in Verbindung mit der Präposition „’an“ (also dharaba ’an). In der Koransure steht jedoch (in der Aufforderungsform) „adhribuhuna“ und nicht „adhribu ’anhuna“).

Das Beispiel zeigt, welche Probleme solche Übersetzungsversuche aufwerfen und welcher Wort- und Übertragungsverrenkungen es bedarf, wenn man sich an den Buchstaben des Textes klammert. Vielen islamischen Feministinnen erscheint daher der historisch-kritische Ansatz vernünftiger, dem die Erkenntnis zugrunde liegt, dass „der Islam innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft entworfen und entwickelt wurde,“ wie Nahed Selim und andere sagen. Auch Zarizana Abdul Aziz aus Malaysia stellt heraus, dass es heute „um eine andere Perspektive geht als im 8. Jahrhundert“. Es gehe darum, den Willen Gottes für die Menschen von heute zu erkennen. Deshalb könne es nur eine „demokratisierende Interpretation“ des Koran geben.

Deutlich wurde jedenfalls auf der Kölner Frauentagung, dass es innerhalb des Islam inzwischen einen weltweiten Diskurs gibt, der im „Westen“ leider kaum zur Kenntnis genommen wird. Das muss sich ändern. Auch eine Einbindung der vielen verstreuten Initiativen in den säkularen Gesellschaftsdiskurs wäre wichtig. Muslimische Frauen sind eben nicht nur „Opfer“, die man „befreien“ muss, wie immer noch zahlreiche „säkulare“ Feministinnen meinen. Viele von ihnen sind durchaus fähige und selbstbewusste Akteure bzw. Akteurinnen. Sie wollen „ihre Sache“ selbst in die Hand nehmen. Dazu aber benötigen sie Unterstützung und Solidarität.


Dr. Christine Schirrmacher: Frauen unter der Scharia

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