Genitalverstümmelungen (FGM) oder Politische Korrektheit

• EuropeNews - 04 Juli 2017 - Von Paula Kweskin
Genitalverstümmelungen (FGM) oder Politische Korrektheit

Im Februar entdeckten amerikanische Ermittler ein Ärztenetzwerk im Bundesstaat Michigan, das Genitalverstümmelungen (FGM) an Mädchen ab dem Alter von sechs Jahren in Krankenhäusern des Staates durchführte. FGM bedeutet das Be- oder Herausschneiden der weiblichen Genitalien mit dem Ziel [die Mädchen] zu „reinigen“ und ihre Sexualität zu unterdrücken.

 

Quelle: Clarion Project

Übersetzt von EuropeNews

 

Alle Angeklagten in diesem Fall waren Mitglieder einer religiösen muslimischen Gruppe namens Dawoodi Bohra. Einem der Mädchen, das sich der Tortur unterziehen musste, wurde angeblich gesagt, dass sie auf eine „spezielle Mädchen Tour“ gehe um „Krankheitskeime zu entfernen“.

 

Während das Opfer in diesem Fall wohl Gerechtigkeit im Gerichtssaal erfahren wird, sind ihr Körper und die der anderen Opfer unwiderruflich geschädigt. Überlebende einer FGM, mit denen ich in meinem Dokumentarfilm Honor Diaries sprach, erzählten von physischem und emotionalem Schmerz, der weit über den Missbrauch hinausreicht. Geschlechtsverkehr und Geburt sind grauenhaft schmerzvolle und traumatische Erfahrungen. Frauen können chronische Harnwegsinfektionen bekommen und werden oft von Depressionen und anderen unsichtbaren Narben geplagt.

 

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass mindestens 200 Millionen Frauen heutzutage unter den Konsequenzen einer FGM leiden. In den USA werden 507.000 Frauen von dieser Tortur bedroht. In den USA gibt es ein Bundesgesetz gegen die Praxis und in verschiedenen Staaten stellt sie eine Straftat dar. Aber diese Gesetze halten Familien nicht davon ab ihre Mädchen zu verstümmeln, oder nach Übersee zu reisen, um sie der Prozedur dort zu unterziehen. Das aber könnte sich ändern.

 

Die Festnahme und Anklage der Täter aus Michigan ist ein wegweisender Moment für die Frauenrechtsaktivistinnen in den Vereinigten Staaten und weltweit. Ich spende den staatlichen Ermittlern und Anklägern Beifall, die sich gegen die geschlechtsspezifische Gewalt wenden. Es ist der erste FGM Prozess im Land und viele wichtige Fragen werden während der Ermittlungen und des Prozesses gestellt werden.

 

Schon jetzt scheiterten die Angeklagten damit, nur einer Teilschuld angeklagt zu werden aufgrund ihrer Religionsfreiheit, die sie als Verteidigung anführten. Die Angeklagten betonten,, dass diese Praxis nicht als FGM klassifiziert werden sollte sondern als religiöse Praxis. Die US Richterin Elizabeth Stafford verweigerte eine vermindertes Schuld, weil Religion „nicht als Schutzschild“ in diesem Fall benutzt werden dürfe. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass noch einmal mit Religionsfreiheit argumentiert werden wird, wenn der Prozess voran schreitet.

 

Ich mache mir Sorgen um den Sog, der entstehen wird, wenn dieser Fall verhandelt wird. Werden die Frauenrechte jetzt bestätigt oder verwässert werden zu Gunsten der politischen Korrektheit? In der Vergangenheit habe ich die nicht-Integration der Frauenrechte zu Gunsten der politischen Korrektheit beobachten können: Mein Film Honor Diaries wurde zensiert (übrigens in Michigan) als bestimmte Gruppen ihn „islamophobisch“ nannten, weil darin Themen wie FGM, Zwangsehe und Ehrenmorde behandelt werden. Anstatt sich auf die inhärente Frauenfeindlichkeit dieser Praktiken zu konzentrieren wurde mein Film verunglimpft, weil er schwierige Konversationen über kulturelle und religiöse Praktiken enthalte.

 

Dieser bundesweit erste FGM Fall wird Fragen aufwerfen. Es gibt einen einfachen Maßstab mit dem man gegensetzliche Behauptungen evaluieren kann: Kultur ist keine Entschuldigung für Missbrauch. Keine Religion oder Kultur sollte der Anstoß dafür sein, dass jemand verletzt, verstümmelt oder missbraucht wird. FGM wurde in den Vereinigten Staaten unter dem Radarschirm praktiziert. Die Verhaftung und Anklage der Menschen ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber der wahre Test wird im Prozess kommen: Werden wir zu Gunsten der politischen Korrektheit der Versuchung der Selbstgefälligkeit nachgeben? Oder werden wir diesen Moment nutzen, um unsere pathetischsten Überzeugungen zu bestätigen: Dass alle Menschen gleich sind und auch so behandelt werden, egal welcher Religion und Kultur? Meine Hoffnung für alle Frauen und Mädchen ist, dass wir für ihre Gleichberechtigung einstehen.

 

Paula Kweskin ist Rechtsanwältin für Menschenrechtsgesetzgebung. Sie ist Produzentin des Films Honor Diaries und Gründerin/Direktorin des Censored Women’s Film Festival, das eine Antwort auf die Zensur ist, deren Opfer sie und andere Filmemacher wurden, weil sie die Rechte der Frauen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt haben.