Ghadban "Nur Muslime können Extremisten bekämpfen" - Mehrheit der 56.000 Libanesen in Deutschland unterstützt Hisbollah

SPIEGEL ONLINE‎ - 02 September 2007

Radikale Libanesen sollen die Kofferbomben gelegt haben. Leute wie sie finden in Deutschland bei Landsleuten leicht Anschluss, meint Ralph Ghadban. Der Islamwissenschaftler appelliert an das Verantwortungs- bewusstsein der muslimischen Gemeinde... Von Brenda Strohmaier

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Libanesen hier die Nachricht aufgenommen, dass die beiden Kofferbomber Landsleute sein sollen?

Ghadban: Das kann ich so generell nicht sagen, aber ich weiß, dass die meisten der 56.000 Libanesen in Deutschland Schiiten sind und von ihnen wiederum die Mehrheit Hisbollah unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es weitere ähnliche Anschlagsversuche geben?

Ghadban: Die verdächtigen Libanesen haben nur kurz hier gelebt, sie sind ein besonderer Fall. Sie gehören einer radikalen islamistischen Organisation ("Hizb ut-Tahrir") an, die in Deutschland verboten ist und die unter den Libanesen kaum verbreitet ist. Die Hisbollah plant in der Regel keine terroristischen Aktionen, allerdings schließt sie sie auch nicht aus. Diese Organisation wird aus Iran gesteuert. Wenn Iran beschließt, hier in Deutschland einen Anschlag zu verüben, werden die Anhänger folgen. Darin sehe ich eine mittelbare Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Was hat viele Libanesen in Deutschland so radikalisiert?

Ghadban: Im Vergleich zu anderen ausländischen Gemeinden sind sie am wenigsten integriert, die Kriminalitätsrate ist auffällig hoch. Die meisten Schiiten, die hier leben, sind erst nach dem Fall der Mauer über den Ostberliner Flughafen eingereist, als es keine innerdeutschen Grenzkontrollen mehr gab. Sie sind nicht vor dem Bürgerkrieg geflüchtet - wie zuvor viele Palästinenser und Kurden -, sondern aus ökonomischen Gründen gekommen. Viele stammen aus dem Armutsgürtel um Beirut. Sie waren in Deutschland dann lange Jahre von der Abschiebung bedroht und durften nicht arbeiten. Sie kamen vom Rand der Gesellschaft und wurden hier wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Nun haben die Leute sich dort eingerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt? Ghadban: Es gab zwar immer wieder Aufenthaltsgenehmigungen und Einbürgerungen, aber zu spät. Die Libanesen hatten mehr als genug Zeit für den Aufbau einer Parallelgesellschaft. Viele Libanesen - auch Sunniten - stehen unter dem Einfluss von islamistischen Moscheevereinen. Das heißt nicht, dass jeder, der dort hingeht, ein Terrorist wird. Aber diese Vereine haben dieselbe Ideologie wie Terroristen, auch sie halten den Westen für verdorben und unmoralisch. (...) Ralph Ghadban ist Islamwissenschaftler und lehrt an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin. Der 57-jährige Deutsch-Libanese ist Mitbegründer der Libanonhilfe für die Unterstützung der Bürgerkriegsflüchtlinge im Libanon und Berlin. Seine jüngste Publikation: "Tariq Ramadan und die Islamisierung Europas."


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