Gülen: Islam-Bewegung breitet sich in Deutschland aus

DIE WELT - 22 Mai 2011 - Von Günther Lachmann

Ist sie eine gefährliche Geheimorganisation? Die Gülen-Bewegung besitzt ein Medien-Imperium, eine Bank und Universitäten. In Deutschland betreibt sie bereits zwölf Schulen. Es ist schon spät, als die Architekten gehen. Mit geröteten Augen wirft Alp Sarac einen letzten Blick auf die Zeichnungen der neuen Schule und ist zufrieden. Endlich scheinen auch die letzten Fragen geklärt. Das muss auch so sein, denn in wenigen Tagen wollen die Bauarbeiter anrücken.

Tagsüber ist Sarac Diplomkaufmann bei einem internationalen Exportunternehmen. Nach Feierabend kümmert er sich seit vier Jahren ehrenamtlich um die Geschäfte des Dialog-Gymnasiums im Kölner Stadtteil Buchheim. Im ersten Obergeschoss hat er ein kleines Büro, das nicht viel mehr beherbergt als seinen Schreibtisch. Daneben liegt der Besprechungsraum, aus dem sich die Architekten vorhin verabschiedet haben.

Zum Schuljahr 2012/2013 will Saraç neben dem Gymnasium eine Realschule unterbringen. Darum braucht er den Neubau mit Theater- und Turnhalle, mit Cafeteria und Hörsaal. Sein Ziel ist ein privates Schulzentrum. "Als Schule wollen wir ein Teil des gesellschaftlichen Lebens vor Ort sein", sagt Sarac.

Jede Menge Gerüchte

Heute sieht er dieses Ziel zum Greifen nahe. Aber der Weg dahin war lang und voller Hindernisse. Immer wieder musste er sich gegenüber den Kommunalpolitikern erklären und Zweifel ausräumen, indem er die Bücher seines Vereins offenlegte. Denn Sarac ist nicht nur Vorsitzender des Trägervereins "Türkisch-Deutscher-Akademischer Bund e.V.". Er gehört auch zur Bewegung des türkischen Religionsgelehrten Fethullah Gülen. Und um den ranken sich jede Menge Gerüchte.

"Gülens Bewegung ist die einflussreichste politisch-religiöse Geheimorganisation der Türkei", schreibt etwa die Islamkritikerin Necla Kelek. Die "Fethullahcis", wie sie sie nennt, seien eine "Sekte mit Konzernstruktur". Nicht weniger hart urteilt der aus dem Libanon stammende Islamwissenschaftler Ralph Ghadban. "Unter dem pseudo-modernistischen Lack steckt eine islamistische Auffassung", schreibt er und fürchtet, durch ihre perfekte Geheimbündelei seien die Fethullahci vermutlich "unfassbar".

Behörden sind nicht beunruhigt

Obwohl Kelec und Ghadban derart schweres Geschütz auffahren, sind die deutschen Sicherheitsbehörden von der Gülen-Bewegung keineswegs beunruhigt. "Sie gehören nicht zu dem Kreis der Gruppen, die wir beobachten", sagt eine freundliche Dame beim Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz.

Und ein paar Kilometer weiter im Düsseldorfer Schulministerium, das bereits in mehreren Städten Schulen türkischstämmiger Gülen-Anhänger genehmigt hat, heißt es: "Wir haben keinen Grund zu Klage." Im Übrigen bestehe das Recht, Privatschulen mit eignen pädagogischen, religiösen und weltanschaulichen Schwerpunkten zu betreiben. Auf diesen Anspruch verzichten die Gülen-Schulen sogar. An ihnen gelten deutsche Lehrpläne, die von deutschen Lehrern umgesetzt werden. Einen Islamunterricht gibt es nicht.

Zehn Millionen Sympathisanten

Weltweit wird die Zahl der Gülen-Sympathisanten auf über zehn Millionen geschätzt. Zwischen zehn und 15 Prozent der türkischen Bevölkerung sollen der Bewegung inzwischen angehören, die sich selbst Hizmet (Dienst) nennt. Sie betreibt Medienhäuser, Bildungseinrichtungen, Versicherungen, und sogar eine Bank. Bis zu 30 Universitäten will Hizmet in den kommenden Jahren weltweit gründen. (...)



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