Interview: Jan Fleischhauer "Ich war das perfekte Hassobjekt"

01 Oktober 2009
Interview: Jan Fleischhauer "Ich war das perfekte Hassobjekt"

BuchTest 01 Oktober 2009 Von Felix Struening

Jan Fleischhauer hat mit “Unter Linken. Von einem der aus Versehen konservativ wurde” wohl eines der streitbarsten Bücher im Superwahljahr 2009 geschrieben. Die BuchTest Leser wählten das Werk gerade zum besten Politikbuch 2009.

Wir sprachen mit dem Autor (www.unterlinken.de) über die Rezensionen zu seiner Streitschrift, Links-Rechts-Schemata, seine Verbindung zu Henryk M. Broder und ein mögliches nächstes Buch.

BuchTest: Herr Fleischhauer, Ihr Buch „Unter Linken“ trifft genau das, was Konservative denken, auf den Kopf. Warum haben Sie dieses Buch erst jetzt geschrieben? War dies vorher nicht möglich?

Jan Fleischhauer: Keine Ahnung. Ich war einfach an einem Punkt angekommen, wo ich den nötigen Furor verspürte. Man braucht eine gewisse Grundenergie, um über die Strecke von 350 Seiten zu kommen, zumal, wenn man so etwas neben der regulären Arbeit macht. Die war erst jetzt da.

BuchTest: Sie wurden von einigen Kritikern sofort angegriffen, z.B. in der eigentlich eher konservativen FAS von Julia Encke. Haben Sie damit gerechnet?

Jan Fleischhauer: Das war vorherzusehen. Überraschend war für mich, dass der erste Fundamentalangriff ausgerechnet aus der FAS erfolgte, aber beim zweiten Nachdenken muss man sagen: So erstaunlich war es dann auch wieder nicht. Das Feuilleton der FAS ist eine zuverlässige Bastion des Linksdenkens in Deutschland. Die Redakteure, die hier arbeiten, gehen jeden Tag mit geballter Faust ins Büro und dem festen Vorsatz, Volker Zastrow, der vorne den Politikteil leitet, und allen anderen Konservativen bei Gelegenheit mal so richtig einen rein zu semmeln.

Ich war das perfekte Hassobjekt. Anderseits: Haben die Kritiken geschadet? Absolut nicht. Sie haben die Debatte befördert, und das war gut so.

BuchTest: Die Vorwürfe gehen oft in die Richtung, das Links-Rechts-Schema sei veraltet. Müssen wir heute in anderen und komplexeren Schemata denken?

Jan Fleischhauer: Das höre ich, seit ich über Politik schreibe. Doch eigenartig: Gerade wurden die beiden Lager vom Wähler wieder ziemlich eindrucksvoll bestätigt. Es spricht sogar einiges dafür, dass wir nach dem Ende der Großen Koalition, die hier zu einer gewissen Begriffsverwirrung geführt hat, wieder in eine Zeit klarerer ideologischer Unterschiede gehen.

BuchTest: Warum sind heute immer noch (nahezu) alle Studenten Links und wählen die Linkspartei?

Jan Fleischhauer: Alle links? So schlimm ist es dann doch nicht. In den Wirtschafts-, Rechts oder Naturwissenschaften liegt der Anteil nicht über dem gesellschaftlich verträglichen Schnitt, würde ich vermuten. Aber für die Geisteswissenschaften trifft die Annahme sicher zu. Der Grund sind weniger rationale als vielmehr Gefühlsgründe. Man möchte auf der richtigen Seite stehen, für das Gute und Edle stehen, da scheint das Linke die richtige Wahl. Das Versprechen moralischer Superiorität hat immer etwas Verführerisches.

BuchTest: Wie könnte eine eher konservative Kultur-Politik-Intelligenzija aussehen?

Jan Fleischhauer: Dazu fehlt mir das Vorstellungsvermögen. Ich glaube auch nicht an Intellektuelle, die sich unter einer Flagge versammeln. Menschen, die ähnlich denken, finden sich schon, da habe ich keine Sorge. Und wenn man in der Minderheit bleibt, ist das auch nicht schlimm.

BuchTest: Sie sagen, Ihr Buch sei ein sehr persönliches und auch der Untertitel vermittelt den Eindruck einer Autobiografie. Ist „Unter Linken“ nicht eher die Biografie einer ganzen Nation nach dem 2. Weltkrieg?

Jan Fleischhauer: Naja, vielleicht nicht gleich einer ganzen Nation, aber einer Generation mit Sicherheit. Ich wollte nicht bei den Achtundsechzigern stehen bleiben, wie das viele tun, die sich kritisch mit den Linken auseinandersetzen, sondern mit dem Leser eine Zeitreise durch die vergangenen 40 Jahre linker Mentalitätsgeschichte unternehmen, den Deutschen Herbst einschließend und die seltsame Begeisterung für die RAF, die Atomtod-Hysterie der Achtziger und die neue Innerlichkeit, die Minderheitendebatten bis zur Jetztzeit. Dieser Wiedererkennungseffekt macht offenbar auch einen Teil des Erfolgs aus.

In einer Fernsehdiskussion bezeichnete einer der Moderatoren das Buch als “Generation Golf auf politisch”, das ist so falsch nicht, was die biografischen Teile angeht.

BuchTest: Henryk M. Broder hätte Ihr Buch gerne geschrieben. Dafür hat er mit „Hurra, wir kapitulieren“ das Islam-Buch verfasst, das sie vielleicht schreiben wollten. Was haben Sie beide als Autoren gemeinsam?

Jan Fleischhauer: Den Spaß an der polemischen Zuspitzung, eine Freude auch am freien Denken – und eine gewisse Furchtlosigkeit vielleicht. Man darf nicht zu empfindlich sein, wenn man sich selber politisch so klar verortet, wie wir beide das tun. Broder bezeichnet sich ja nach wie vor als Linker, aber das ist natürlich nur eine besonders gemeine Volte.

BuchTest: Und worüber schreiben Sie Ihr nächstes Buch?

Jan Fleischhauer: Mal sehen. Ich habe so die eine oder andere Idee, aber jetzt atme ich erst einmal durch. Ein paar Leser haben mich ermuntert, das nächste Buch über die Konservativen zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das antun soll: Ein Buch über die Rechte wäre nicht viel nachsichtiger als das jetzt über die Linke, fürchte ich.

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Rowohlt Verlag, 2009, ISBN-13: 9783498021252, 16,90 Euro

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