Islamismus: Propaganda über das Netz - Der bin Laden des Internets

Süddeutsche.de - 16 November 2010 - Von Janek Schmidt

Der islamistische Prediger Anwar al-Awlaki nutzt das Netz, um zur Gewalt aufzurufen und Attentäter zu motivieren. Der Westen tut sich schwer damit, ihm Einhalt zu gebieten. Die Stimme klingt bedächtig und verrät wenig von der todbringenden Gewalt, die sie schürt. Dabei spricht der Prediger Anwar al-Awlaki nicht nur in Moscheen, um Islamisten zu inspirieren.

Vor allem nutzt der in den USA aufgewachsene Jemenit so geschickt die neuen Medien wie kaum ein anderer Islamist. So schrieb er mehrere E-Mails an den amerikanischen Armee-Major Nidal Malik Hasan, bevor dieser im vergangenen Jahr 13 Soldaten auf einer US-Militärbasis in Texas erschoss.

Zudem motivierten Awlakis Videos und Tonbandaufnahmen in fließendem Englisch und Arabisch Attentäter, wie den amerikanisch-pakistanischen Autobomber vom Times Square, Faisal Shahzad. Und auch im englischsprachigen Al-Qaida-Magazin Inspire tritt Awlaki in der jüngsten Ausgabe vom Oktober prominent auf.

Mit dieser Medienpräsenz hat der im Jemen lebende Prediger einen solchen Einfluss erreicht, dass Abdul Rahman al-Rashed, Chef des Fernsehsenders al-Arabiya, zu dem Schluss kommt: "Er ist der bin Laden des Internets."

Auch die amerikanische Regierung hat Awlakis Gefährlichkeit erkannt und setzte ihn im Frühjahr als ersten US-Bürger jemals auf eine Tötungsliste der CIA. Als Sicherheitsbehörden im Oktober Paketbomben in Flugzeugen aus dem Jemen fanden, vermuteten sie Awlakis Einfluss dahinter und beschlossen, auch im Internet verstärkt gegen den Prediger vorzugehen. Vorträge auf Facebook

Dort hatte Awlaki einen guten Start. Zunächst setzte er eine eigene Facebook-Seite auf, über die Hunderte Fans seine Vorträge verfolgten. Zugleich gründeten seine Anhänger eigene Gruppen auf sozialen Netzwerkseiten wie Facebook und MySpace, in denen sie Schriften, Tonbandaufnahmen und Videos des Predigers verbreiteten.

Zudem betrieb Awlaki eine modern gestaltete Webseite. Dort nutzte der Prediger nach Einschätzung des Terror-Forschers Jack Barclay vor allem seine persönlichen Erfahrungen aus mehrjährigen Aufenthalten in den USA, um Sehnsüchte und Wissensdurst westlicher Muslime anzusprechen. (...)

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