Konservativ ist das neue Revolutionär

Christliches Medienmagazin pro - 29 November 2010

Wer konservativ ist, galt immer als rückständig und unbeliebt. Das hat nicht nur Jan Fleischhauer erfahren. Der Autor des Buches "Unter Linken" war früher selbst links und ist dann "aus Versehen" nach rechts gedriftet. "Niemand, der noch recht bei Trost ist, bezeichnet sich selbst als 'rechts'", stellt er fest. Doch irgendwie erfährt der Konservatismus, der nicht nur eine politische Denkrichtung ist, sondern auch eine Weltanschauung, derzeit einen seltsamen Zulauf.

Was ist nur aus den Jugendlichen geworden? Früher galten noch Ideale wie Revolution gegen das Establishment, das Aufbegehren gegen Autorität und die Befreiung der Unterdrückten. Heute allerorten Biederkeit, Konsumfreudigkeit und Karrieredenken. Früher hieß Studentsein Aufstand, Querdenken und Widerstand. Heute bedeutet es Büffeln für die Karriere. Wie die "Shell Jugendstudie 2010" zeigt, wenden sich die heutigen Jugendlichen immer mehr klassischen Werten zu.

Gleich nach Freunden und Familie kommen Selbstständigkeit, Kreativität, Ehrgeiz und Fleiß. Erst danach stehen die "typisch hedonistischen" Bedürfnisse wie "das Leben in vollen Zügen genießen" oder "hoher Lebensstandard". Es scheint so, als seien die heutigen Kinder genau diejenigen, vor denen sich deren Eltern immer gegraust haben. 76 Prozent der Jugendlichen halten die Familie für wichtig, um glücklich zu sein. Neun von zehn sagen, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Ein Mann mit zurückgegeltem Haar, einem ellenlangen Adelstitel und stets adrettem Äußeren ist heutzutage mit Abstand der beliebteste Politiker in Deutschland, ausgerechnet ein Verteidigungsminister! Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg ist der personifizierte Konservatismus und gleichzeitig ein Spiegelbild heute angesagter Werte.

Um zu verstehen, worin dieser "konservative Ruck" (um das Wort "Rechtsruck" zu vermeiden) besteht, kann man sich exemplarisch die Entwicklung des "Spiegel"-Journalisten Jan Fleischhauer ansehen. Er schrieb ein Buch darüber, wie er langsam aber sicher "aus Versehen" von links nach rechts rückte. "Streng" links erzogen (seine Mutter ist seit 40 Jahren treues SPD-Mitglied), sickerte bei Fleischhauer die Überzeugung durch, dass es sich bei der Linken um eine Glaubensbewegung handelt. In der Politik ringen "zwei ewige Mächte miteinander, die Macht des Lichts und die der Finsternis". Er selbst gehöre zu einer Generation, die gar nichts anderes kenne als die Dominanz der Linken. So war es für ihn geradezu revolutionär, rechts zu sein. Als ihm klar wurde, was da mit ihm passierte, kam er sich vor "wie ein 40-jähriger Familienvater, der merkt, dass er schwul ist und nicht weiß, was er machen soll".

Zwei Ideologien

Fest steht: Es geht in der Politik nicht nur um Fragen der Politik. Es geht auch um zwei Ideologien, die sich gegenüberstehen. Das fängt an bei Fragen wie etwa der, ob man Straftätern immer noch eine Chance geben und sie eher sanft behandeln sollte, da sie ja nur Opfer eines Systems sind, oder ob man ihnen mit aller Härte des Gesetzes begegnen sollte. Das geht weiter bei der Frage nach der richtigen Schulpolitik. Jeder vierte Schüler in Deutschland könne auch nach neun Jahren Schulunterricht nicht ausreichend rechnen, lesen und schreiben, klagt Fleischhauer. Die Debatte, die Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ ausgelöst hat, zeigt, dass viele Menschen im Land Probleme sehen, die man als strammer "Linker" zuvor nie wirklich ansprechen durfte.

Für ein ähnliches Maß an Verwirrung sorgte vielleicht die ehemalige Moderatorin Eva Herman, die in ihren Büchern ein traditionelles Familien- und Frauenbild propagierte. Während sie im Volk viel Unterstützung fand, wurde sie in der medialen Öffentlichkeit schnellstens in die Fremde geschickt. Doch im Grunde ticke Deutschland gar nicht so links, findet Fleischhauer. "Deutschland ist alles in allem ein erstaunlich konservatives Land", schreibt der "Spiegel"-Autor. "Die Christdemokraten haben in den 60 Jahren Bundesrepublik 40 Jahre den Kanzler gestellt, 20 Jahre die Sozialdemokraten, und wenn man die Amtsinhaber genauer mustert, wird man schnell feststellen, dass noch nie ein wirklich Linker die Republik geführt hat." Er vermutet eher, dass sich viele als "links" bezeichnen, "weil es die anderen auch sind".

Aber was bedeuten die Begriffe "links" und "konservativ" eigentlich? "Konservativ" gilt als "rechts", und damit näher am Neonazi als "links". Prägnant für Konservative ist in jedem Fall das Eintreten für Werte. Dahinter kann die klassische Familie stehen, mit einer Ehe zwischen Vater und Mutter (und nicht etwa zwischen Vätern oder Müttern), oder ein empfindliches Frühwarnsystem, wenn es um das so genannte "christlich-jüdische Abendland" geht. Dabei ist die Gleichsetzung von "konservativ" mit "christlich" für viele Konservative, wie etwa Fleischhauer, "Quatsch". Fragt man die Kanzlerin nach ihrem christlichen Fundament als Politikerin, beruft sie sich wie viele konservative Politiker auf die "Würde des Menschen", die "unantastbar" sei, was wiederum nur unter der Annahme eines Schöpfergottes Sinn mache.

Beginn und Ende eines Menschenlebens machen den Unterschied zwischen einem christlich geprägten Menschenbild und einem anderen besonders deutlich. Christlich- konservativ geprägte Menschen sind tendenziell eher gegen Abtreibung und Sterbehilfe als Linke. Konservative hegen anders als Linke selten einen Alarmismus in Sachen Ökologie, sondern blicken eher entspannt auf das Thema Umwelt, befürworten Kernenergie oder erachten andere politische Themen als wichtiger, weil dem Menschen näher stehend. Die Linke baut auf eine Skepsis gegenüber dem Kapitalismus und dessen Mutterland Amerika. Auf konservativer Seite hingegen herrscht eine viel größere Akzeptanz amerikanischer Politik und ihrem Wirtschaftssystem gegenüber. Eng verknüpft mit dem Konservatismus ist traditionell auch eine freundlichere Offenheit gegenüber Israel. Bei Linken herrschen hingegen enorme Ressentiments vor, davon weiß auch Fleischhauer in einem eigenen Kapitel Eindeutiges zu berichten. Immer ist der Hang zu Patriotismus auf der konservativen Seite stärker als auf der linken. Viele Deutsche stehen zwischen den beiden Antipoden: stolz auf sein Land und die Staatszugehörigkeit zu sein einerseits, und andererseits die Angst davor, dass dies in Deutschtümelei abdriftet oder als solche interpretiert wird. Konservative sind eher bereit, zu ihrem Deutschsein zu stehen, Abgeordnete der Fraktion "Die Linke" weigern sich hingegen, öffentlich die Nationalhymne zu singen.

Eine neue konservative Partei?

Besonders seit der Sarrazin-Debatte steht in Deutschland die Frage im Raum, ob eine neue, konservative Partei vonnöten ist. In den Niederlanden macht die "Partei für die Freiheit" von sich reden, in den USA erstürmt gerade eine Bewegung aus dem Bürgertum namens "Tea Party" das demokratische Washington, und auch in Berlin hat sich im September eine Partei "Die Freiheit" um den ehemaligen CDU-Abgeordneten René Stadtkewitz gegründet. Der thüringische CDU-Abgeordnete Mike Mohring, der vor kurzem für einen Sammelband Prominenten die Frage gestellt hat: "Was heißt heute konservativ?", findet, die Sarrazin-Debatte zeige, dass das Volk endlich einmal den Eindruck habe, "verstanden zu werden".

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