Soziologe Scheffer "Multikulti war ein Fehler"

Kurier - 08 Juni 2010

Populisten profitieren bei den Wahlen in den Niederlanden von der Verunsicherung vieler Bürger. Integrationsexperte Scheffer im Interview.Was als Toleranz gelobt wurde, entpuppte sich mittlerweile als Ignoranz.

Der Soziologe Paul Scheffer hat sich intensiv mit dem Thema Integration befasst. Der KURIER traf ihn in Amsterdam.

KURIER: Wie konnte die Muslim-feindliche Partei von Geert Wilders so stark werden ?

Paul Scheffer: In den Niederlanden leben eine Million Muslime. Es gibt ein Gefühl der Verunsicherung und echte Probleme mit Jugendgewalt. Unbehagen empfinden auch viele Moderate, die Wilders nie wählen würden. Es ist zu einfach zu sagen, Wilders Erfolg liege nur in Fremdenfeindlichkeit. Er sagt nicht: Ich bin gegen Einwanderer oder gegen die arbeitenden Muslime, sondern er sagt: Ich bin gegen den Islam.

Haben die anderen Parteien keine Antworten?

Die traditionellen Parteien sind desorientiert, die Balance links-rechts hat sich verschoben. Die weniger gut ausgebildeten und wenig verdienenden Leute, die früher die Sozialdemokraten gewählt haben, fühlen sich nicht mehr beschützt. Populistische Parteien wie die von Wilders oder Heinz-Christian Strache zeigen die Schwäche des politischen Zentrums.

Hat Wilders eine Antwort?

Wilders hat Premier Balkenende gefragt: Wie wird unser Land sein, wenn es mehr Moscheen gibt als Kirchen? Balkenende sagte, es sei unwahrscheinlich, dass das je passieren wird. Wir hätten nur sechs Prozent Muslime. Balkenende hätte antworten müssen: Die Niederlande, in denen ich wohne, sind das Land, wo jeder volle religiöse Freiheit hat. Er würde das aber nie sagen, weil er weiß, dass ein Teil seiner Wähler das ablehnt. Es gibt also keine politische Verteidigung der Religionsfreiheit. Tatsache aber ist: Der Islam ist Teil dieser Gesellschaft und er wird es bleiben, die Frage ist nur: Wie?

Neigen Verunsicherte dazu, alles Fremde abzulehnen?

Ich habe nie verstanden, warum die Frage nach Sicherheit eine konservative sein soll. Sicherheit ist die Basis für eine offene Gesellschaft. Die strikte Durchsetzung der Gesetze ist notwendig: In den vergangenen 30 Jahren waren wir zu lax. Der Multikulturalismus war ein Fehler. Er führte dazu, aneinander vorbeizuschauen. Jetzt geht es nicht darum, die Freiheiten zu limitieren, sondern sie uns zu erhalten.

Wie kann Immigration erfolgreich sein?

Migration beginnt auf beiden Seiten mit einem voneinander Fernhalten. Die neu Ankommenden bauen ihre eigenen Häuser, ihr eigenes Umfeld, eigene Gotteshäuser. In Amsterdam sind rund die Hälfte der Familien Migranten. Da ist es dann nicht mehr möglich, einander aus dem Weg zu gehen. Und das ist der Punkt, an dem wir uns jetzt befinden. Das ist der Moment des Konflikts. Was wir früher Toleranz nannten, war tatsächlich nur Ignoranz.

Warum gibt es viele radikalisierte junge Migranten?

In Antwerpen gibt es Schulen, wo 80 Prozent der Kinder muslimischen Hintergrund haben. Dort ist es sehr schwierig geworden, über den Holocaust zu reden oder über "perverse" Dichter wie Oscar Wilde. Man muss diese Vorurteile aber konfrontieren und sie aufbrechen. Konfrontieren bedeutet, Leute ernst zu nehmen. Die Idee der Gleichbehandlung heißt, sie muss immer gelten, auch wenn es weh tut. Migration zwingt die Gesellschaft, sich neu zu erfinden. Wenn zwei Drittel der Arbeitswelt Migrationshintergrund haben, kann man diesen Menschen den Zugang zu Jobs nicht verwehren.

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