Theo van Gogh`s Mörder "Ich würde jederzeit wieder so handeln"

koptisch.wordpress.com - 13 Juli 2010
Theo van Gogh`s Mörder "Ich würde jederzeit wieder so handeln"

Der Mord am islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh hat im November 2004 nicht nur die Niederlande schockiert. Nun ist das Urteil über den geständigen Mörder gefällt worden. Richter Udo Willem Bentinck schaute den Angeklagten ruhig an.

Leise, aber völlig unmissverständlich sagte er: "In dieser Sache ist nur eine Strafe angemessen: eine lebenslange Gefängnisstrafe". Mohammed Bouyeri, der 27-jährige Angeklagte, nahm das Urteil für den brutalen Mord an dem islamkritischen Regisseur Theo van Gogh regungslos hin. Er hatte es selbst provoziert.

Nachdem er vor zwei Wochen am Ende der Hauptverhandlung bekannte, er würde jederzeit wieder so handeln, waren sich Prozessbeobachter einig: Das Gericht hat keine andere Wahl, als ihn für immer hinter Gitter zu schicken. Eine lebenslange Haftstrafe endet in den Niederlanden nur mit dem Tod – oder einem königlichen Gnadenerweis, mit dem in diesem Fall kaum zu rechnen ist.

Die "gnadenlose Abschlachtung" – so das Gericht – van Goghs am 2. November 2004 hat die Niederlande vielleicht noch mehr erschüttert als die Ermordung des umstrittenen Politikers Pim Fortuyn im Mai 2002. Schon damals schockierte der Angriff auf das demokratische Zusammenleben, auf die Toleranz, die die niederländische Gesellschaft lange auszeichnete. Als Täter zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde ein selbst ernannter und isolierter Tierschützer, der Fortuyn als unerträgliche Gefahr für die Schwachen in der Gesellschaft sah.

Kopf abhacken für Allah

Frits van Straelen bemühte sich, das Verfahren um eine der grausamsten Bluttaten in den Niederlanden nicht zum Schauprozess zu machen. Mehr als vier Stunden lang dauerte am Dienstag sein minutiöses Plädyoer im Prozess um die Ermordung des Regisseurs und Islamkritikers. Er untermauerte seinen Vortrag mit Bildern vom Tatort in Amsterdam, doch die grauenhaftesten Bilder wolle er nicht zeigen, sagte der Jurist zu Beginn seines landesweit im Fernsehen übertragenen Schlussvortrags.

Gefragt von Jamie Dennoch ließ der Anblick eines eigens geschärften krummen Messers mit 33 Zentimeter langer Klinge so manchen erschauern. Damit hatte der Täter sein Opfer van Gogh, das schon von acht Schüssen getroffen worden war, auch noch die Kehle durchgetrennt – "mit vier sägenden Bewegungen" heißt es im Obduktionsbericht. Und das Grauen schlich noch einmal durch den scharf bewachten Gerichtssaal, als der Angeklagte Mohammed Bouyeri am Ende der Verhandlung sagte, genau so würde er jederzeit wieder handeln.

"Jedem den Kopf abhacken": Der fanatische Islamist hat die Tat vom 2. November des Jahres 2004 gestanden. Das Land war erschüttert, zum ersten Mal hatte der religiöse Extremismus zugeschlagen. "Da haben wir unsere Unschuld verloren", sagte der Staatsanwalt. Und das sei von diesem Mann verschuldet worden, der sich selbst außerhalb der Gesellschaft gestellt habe und nur noch sein eigenes Recht gelten lasse. Dieses Recht, behauptete Bouyeri, gebiete es ihm, jedem "den Kopf abzuhacken", der Allah oder den Propheten beleidige.

Gut integrierter Sohn: Wie und warum Bouyeri seine bluttriefende Eigenwelt entwickelt hat, blieb allen Prozessbeteiligten ein Rätsel. Noch vor wenigen Jahren galt er als gut integrierter Sohn einer marokkanischen Einwandererfamilie. Dann wandte er sich, nach dem Tod seiner Mutter, immer mehr dem Glauben zu und begann den Islam nach eigenem Gutdünken radikal zu interpretieren. Bei ihm und Freunden fanden Ermittler Unmengen von Hetzschriften, Fotos und Filme von Verstümmelungen, Enthauptungen und Steinigungen – eine Orgie der Gewalt gegen Abtrünnige und Ungläubige.

Sozialhilfe kassiert, Staat abgelehnt: In der zweitägigen Hauptverhandlung zeigte sich Bouyeri – wie schon seit seiner Verhaftung kurz nach dem Mord – kontrolliert und gleichgültig. Er hat die Tat zwar zugegeben, sich aber sonst nicht weiter dazu geäußert. Er verweigerte jede Mitarbeit an einer psychiatrischen Untersuchung. Vor Gericht hatte er seinen Anwalt zwar dabei, doch durfte dieser nichts zur Verteidigung vorbringen.

Einer der Richter konnte es gar nicht fassen, das Bouyeri Sozialhilfe und Gesundheitswesen in Anspruch nehme, aber gleichzeitig die Gesellschaft ablehne, die ihm alle Freiheiten biete: "Sie sind gar nicht prinzipienfest, Sie sind opportunistisch". Bouyeri hatte am Ende seines vielleicht letzten Auftritts in der Öffentlichkeit nur diesen Satz für seine Richter: "Sie werden das nie verstehen". In zwei Wochen wird er, kommentarlos, das Urteil vernehmen müssen.

Spur führt ins Sauerland

Der mutmaßliche Anführer der islamistischen Terrorgruppe, die mit dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh zu tun haben soll, hält sich womöglich in Deutschland auf. Der in Syrien geborene Redouan Al-Issar wurde längere Zeit vor dem Verbrechen nach Deutschland abgeschoben, wie Justizminister Piet Hein Donner im AP-Interview am Mittwoch sagte. Gefragt von Ludolf Zeitweise habe der spirituelle Führer des "Hofstad Netzwerks" sogar in der Wohnung des mutmaßlichen Mörders Mohammed Bouyeri, eines 26-jährigen Marokkaners, in Den Haag gelebt.

Nach den Worten Donners vermuten die niederländischen Ermittler, dass Al-Issar sich im Ausland aufhält. Sie wollten diese Woche einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erwirken. Das Bundeskriminalamt teilte mit, man prüfe die Hinweise. Nach einem Bericht des Magazins "Stern" hatte Al-Issar mit Unterbrechungen seit 1997 im Asylbewerberheim im sauerländischen Olsberg gewohnt. Als Wanderprediger und Drogenhändler sei er zwischen Holland und Deutschland gependelt.

Nach Deutschland abgeschoben: Voriges Jahr stand er laut "Stern" zusammen mit vier weiteren Islamisten wegen angeblich geplanter Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Den Haag vor Gericht. Nach seinem Freispruch wurde er dem Bericht zufolge nach Deutschland abgeschoben, landete wieder in Olsberg, beantragte erneut Asyl und verschwand im Mai dieses Jahres spurlos. Issar soll Mitglied der ägyptischen Terrororganisation "Takfir Wa Al-Hijra" sein. Das "Hofstad Netzwerk" in den Niederlanden wurde nach den Worten Donners seit 2002 beobachtet. Al-Issar habe zudem Kontakt zu "bestimmten Leuten" gehabt, die in die Terrorangriffe in Casablanca verwickelt sein sollen. Dabei waren im Mai 2003 bei fünf zeitgleichen Anschlägen 33 Menschen ums Leben gekommen.

Toter Rechtspopulist vergöttert: Überraschung in den Niederlanden: Das nach der Ermordung von van Gogh aufgeheizte anti-islamistische Klima hatte dazu geführt, dass die sonst so toleranten Menschen des Nachbarlandes Pim Fortuyn zum "größten Niederländer aller Zeiten" gewählt haben. Bei einer TV-Show des öffentlich-rechtlichen Senders Nederland 1 in der Nacht zum Dienstag siegte der Politiker noch vor dem Stammvater des Königreiches, Willem van Oranje, und dem Gründer des Sozialstaates und ersten Ministerpräsidenten der Nachkriegszeit, Willem Drees.

Der Rechtspopulist Fortuyn hatte vor drei Jahren mit scharfen Attacken gegen Ausländer und insbesondere Moslems auch international für Aufsehen gesorgt. Er wurde am 6. Mai 2002 – kurz vor einem von Demoskopen vorhergesagten Erfolg bei den Parlamentswahlen – von einem radikalen Tierschützer ermordet. Zu seinen Bewunderern gehörte auch der vor zwei Wochen ermordete Filmemacher und Islamkritiker Theo van Gogh. Sein letzter Film über den Tod Fortuyns hat im Dezember Premiere.

Die Wahl Fortuyns zum "Größten Niederländer" löste im Fernsehstudio in Hilversum keinen Jubel aus. Selbst der Journalist Youri Albracht, der "Anwalt" Fortuyns in der Show war, sagte: "Die Wahl ist ein Signal, das in diesem Land etwas nicht stimmt". Bei ähnlichen Fernseh-Abstimmungen waren in Großbritannien der Kriegspremier Winston Churchill und in Deutschland der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer gewählt worden.

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