Türkei: Die Islamisierung trifft vor allem die Frauen

Zenith - 25 Oktober 2007 - Von Esra Sezer

Seit dem Amtsantritt der Regierung Erdogan werden die konservativ-islamischen Kreise in der Türkei immer stärker. In der Diskussion um eine neue Verfassung und das Frauenbild wird dies besonders deutlich.

Bei der Parlamentswahl vom 22. Juni 2007 konnte die Gerechtigkeits- und Fortschrittspartei (AKP) einen herausragenden Sieg erringen. Sie gilt seitdem als Partei der Mitte, die breite Teile der Bevölkerung repräsentiert. Doch der Parteivorsitzende, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, und der frisch gewählte Präsident Abdullah Gül werden des Islamismus verdächtigt, da sie dem im Februar 1997 von den Militärs gestürzten islamistischen Politikers Necmettin Erbakan nahe standen.

Erdogan sprach sich im Jahre 1994 in einem Interview für die Zeitung Milliyet für einen islamischen Staat Türkei aus, was auch die Einführung des islamischen Rechts („Scharia“) bedeuten würde. Aufgrund Aussagen wie dieser weckt der Wandel der einstigen Kämpfer für die islamische Ordnung zu überzeugten Demokraten und Europäern heute tiefe Bedenken unter den laizistisch-kemalistisch orientierten Bürgern der Türkei.

Allerdings hat die AKP den EU-Beitrittsprozess ins Rollen gebracht und hierfür die weitgehende Reformen durchgeführt. Damit hat sie eine Zeitlang allen Zweiflern an der europäischen Marschrichtung den Wind aus den Segeln genommen. Inzwischen haben sie diesbezüglich sogar die „modernen" laizistisch-kemalistischen Parteien weit hinter sich gelassen und mit der fortschreitenden „Verwestlichung“ ein Stück kemalistisches Erbe verwirklicht.

Streit um eine neue Verfassung

Der Plan der Regierung, eine neue Verfassung zu entwerfen, um die aus der Zeit des Militärputsches von 1980 zu ersetzen, hat eine Welle kontroverser Diskussionen losgetreten. Der AKP wird von laizistisch orientierten Kreisen der Bevölkerung vorgeworfen, den Entwurf dazu als einmalige Gelegenheit für Reformen im Alleingang zu nutzen. Hürden für eine unterschwellige Islamisierung könnten so per Gesetz aus dem Weg geräumt werden, ohne dass alle Teile der Gesellschaft am Entscheidungsprozess beteiligt werden. Beispielsweise plane die AKP das Tragen des Kopftuchs an türkischen Universitäten im Sinne der Religionsfreiheit zu erlauben, wogegen sich radikal laizistische Gruppen seit Jahren wehren.

Aufgrund solcher Auseinandersetzungen warnt der mächtige Türkische Industriellen- und Unternehmerverband (TÜSIAD) bereits davor, dass eine hinter verschlossenen Türen ausgearbeitete Verfassung das Land in eine politische Krise stürzen würde. Die Istanbuler Anwaltskammer kritisiert darüber hinaus, dass der Entwurf der AKP die Gleichstellung von Mann und Frau aufhebe. So soll der Artikel über Familienplanung in der neuen Verfassung gestrichen werden, da Verhütung nicht gottgewollt und Kinderreichtum gut für die türkische Familie und den türkischen Nationalismus sei. Als Beispiel nannte Erdogan China, das allein durch seine Bevölkerungsstärke zu einer Wirtschaftsmacht geworden sei. Dass es in China staatlich reglementierte Familienplanung gibt, scheint Erdogan dabei schlicht vergessen zu haben.

Freiheit - mit und ohne Tuch

Anerkannte Gelehrte wie der Sozialwissenschaftler Serif Mardin befürworten zwar die Freiheit des Kopftuchtragens in der neuen Verfassung, weisen aber darauf hin, dass daraus ebenso schnell ein neues Verbot entstehen könne. Der verstärkte konservative Druck trifft besonders junge Frauen in der Ausbildung. So berichtet die angesehene Kolumnistin der Milliyet, Meral Tamer, dass sich gerade Frauen aus einfachen Verhältnissen dem gesellschaftlichen Druck kaum widersetzen könnten und sich verhüllen müssten.

Der Wandel vom freiwilligen Kopftuchtragen zu einem konservativen Gruppenzwang könne so die Verschleierung zu einer gesamtgesellschaftlichen Pflicht machen. Gerade in den Provinzen und Vorstädten werde es schnell als „unmoralisch“ dargestellt, kein Kopftuch zu tragen. Besonders in einem Land wie der Türkei, wo einfache Gerüchte um die befleckte Ehre immer noch zu gesellschaftlichen Repressionen für junge Frauen führen, bedeute die Freiheit des Kopftuchtragens womöglich im Umkehrschluss, dass die Rechte der Kopftuchgegnerinnen eingeschränkt würden.

Der konservativ-islamische Einfluss der Regierung wirkt sich auch auf die Presse aus. Kürzlich wurde dem kritischen Journalisten und bekannten Kolumnisten Emin Cölasan wegen seiner kritischen Berichte über Ministerpräsident Erdogan von der Tageszeitung Hürriyet gekündigt. Das Verbot des Alkoholausschanks in den von der AK-Partei dominierten Gemeinden ist ein weiteres Beispiel, weswegen sich liberale Kreise in ihren Rechten verletzt fühlen. Diese Maßnahme ist für sie ein Zeichen der vorgeschobenen religiösen Toleranz, säkular eingestellten Menschen eine islamischere Lebensweise vorzuschreiben.

Andere berichten davon, dass türkische Jugendliche auf offener Straße in Istanbul niedergeschlagen würden, weil sie rauchten oder nicht fasteten. Große Werbetafeln, auf denen Frauen mit Bikinis posierten, würden nicht zugelassen. Dies seien erste Anzeichen einer intoleranten, religiös aufgeheizten Atmosphäre. In der Folge wären jene Verfassungsänderungen, die die Türkei in „modernere und freiheitlichere Verhältnisse“ führen sollen, paradoxerweise dahingehend manipulierbar, dass sich die Freiheiten letztlich „demokratisch“ selbst auflösen. Im äußersten Extremfall könnte dies bedeuten, dass die Islamisten ihre demokratischen Freiheiten dazu nutzen, eine ihnen genehme islamische Staatsform einzuführen, die dann letztendlich die Demokratie abschaffen könnte. Mit Europa wäre dies allerdings nicht machbar.

Unterordnung aus wahrem Glauben – die AKP und die Frauen

Obwohl der Faktor Islam auch von vergangenen Regierungen der Türkei benutzt wurde, um auf Stimmenfang zu gehen, setzt die AKP auf die Wirkung vorgelebter religiöser Lebenspraxis. Sie will als Vorbild für die türkische Gesellschaft dienen. Das Tragen des Kopftuches ist im Sinne der AKP das Zeichen der modernen, frommen Muslimin. Mit dem Kopftuch an der Universität angenommen zu werden, gilt somit als Grundrecht der selbstbestimmten muslimischen Frau. Frauenrechtlerinnen kritisieren, dass arrangierte Ehen, Zwangsverheiratungen und eine klare Rollenverteilung ebenfalls zum konservativen Weltbild der AKP gehören.

Als Beispiel dafür gilt exemplarisch die Biographie des jetzigen Präsidenten und ehemaligen Mitglieds der AKP, Abdullah Gül. Es war seine Mutter, die ihm im Jahre 1980 die Hochzeit mit der 16 Jahre jüngeren Hayrünnisa vorschlug. Zum Zeitpunkt ihrer Verheiratung mit Gül war Hayrünnisa 15 Jahre alt. Damals war dies legale Praxis, denn das offizielle Heiratsalter für Frauen ist erst mit dem neuen türkischen Zivilrecht aus dem Jahre 2002 auf 17 Jahre angehoben worden. Nur in Ausnahmefällen dürfe mit Zustimmung eines Gerichtes auch mit 16 Jahren geheiratet werden.

Es sind Frauen wie Güls Mutter, die das Frauenbild der AK-Partei prägen. Frauen, die durch ihr Kopftuch in erster Linie ihre Frömmigkeit und die Ehre der Familie zum Ausdruck bringen und traditionell-patriarchale Strukturen unterstützen. Das postulierte Bild der guten Ehefrau und Mutter bringt die moderne türkische Frau in eine schwierige Lage: sie kann nicht gleichzeitig den Anforderungen der Arbeitswelt und der Familie gerecht werden. Kinder in den Kindergarten zu schicken, ist nicht mit den Idealen der AKP zu vereinbaren, da nach deren Meinung Kinder bis zur Einschulung besser in der Familie aufgehoben seien. Von einer Teilung der familiären Aufgaben zwischen den Eheleuten ist dabei nicht die Rede.

Der jüngsten Forderung Hülya Gülbahars, der Vorsitzenden des Türkischen Vereins zur Unterstützung und Vorbereitung von Politikerinnen (KADER), eine Frauenquote für das Parlament einzuführen, begegnete Ministerpräsident Erdogan mit offenem Unverständnis und böser Polemik. Sogar Ruanda habe eine Frauenquote im Parlament, argumentierte Gülbahar. Ruanda möge zwar eine Frauenquote im Parlament haben, wetterte Erdogan zurück, aber wolle Frau Gülbahar denn die Türkei zu einem zweiten Ruanda machen?

Interessant bleibt, ob die vielen weiblichen Unterstützerinnen der AKP deren Frauenpolitik auf Dauer schweigend akzeptieren werden.

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