Türkei: Wenn Frauen besondere Reize aussenden

SPIEGEL ONLINE‎ - 01 Juni 2008 - Von Daniel Steinvorth

Istanbul. Sind es nur einzelne Episoden - oder stehen sie doch für einen allgemeinen Trend? Mehrere aktuelle Ereignisse schüren in der Türkei die Sorge vor einer schleichende Islamisierung des Landes. Die Rolle der moderaten Religionsbehörde DIB wird dabei immer unklarer. Es muss schwer sein, ein gottgefälliges Leben zu führen, in einer globalisierten Welt voller Reize und Versuchungen.

Davon kann sicher jene Dame ein Lied singen, die vor einigen Tagen auf einem KLM-Flug von Istanbul nach Amsterdam neben einem fremden Mann sitzen sollte. Weil dies gegen die islamische Geschlechtertrennung verstoße, verlangte die empörte Frau umgehend einen anderen Platz. Oder jener Hotelinhaber, der das in der Türkei bislang unbekannte "Dubaimodell" anwandte und seinen ausländischen Touristen Alkohol verkaufte, inländischen aber nicht. Muslimen, so der Mann, sei das schließlich nicht gestattet. Kurze Zeit später wurde das Hotel allerdings kurzfristig geschlossen, weil der Besitzer überhaupt keine Lizenz zum Alkoholausschank besaß.

In der türkischen Presse mehren sich in diesen Tagen Anekdoten wie diese, die eine schleichende Islamisierung des Landes nahe legen. "Ein neuer Way of life kommt auf uns zu", befürchtet der Fernsehmoderator Mehmet Ali Birand, der sich bislang kaum der Islamophobie verdächtig gemacht hat. "Unsere Gesellschaft transformiert sich in allen Bereichen."

Den vorläufigen Höhepunkt markiert ein Dokument, das vor einigen Tagen Journalisten der Zeitung "Radikal" aus der Website des Amtes für religiöse Angelegenheiten, dem "Diyanet Isleri Baskanligi" (DIB), ausgegraben haben. Es handelt sich um einen Leitfaden für das gute und vorbildliche Leben der muslimischen Frau. Flirten, so heißt es da, sei nicht mehr und nicht weniger als Ehebruch. Der Kontakt mit fremden Männern müsse generell vermieden werden. Der Gebrauch von Parfüm außerhalb des eigenen Hauses sei Sünde. "Frauen müssen vorsichtiger sein, sie senden besondere Reize aus", so der Text weiter. Frauen und Männer am selben Arbeitsplatz seien deswegen eine besonders große Gefahr für die Gesellschaft.

Mit großen Buchstaben machte "Radikal" am Dienstag auf die Benimmliste aufmerksam. Auch die "Turkish Daily News" widmete sich ihr. Von einer Geisteshaltung, die es den Taliban gleichmache, die ihre Frauen hinter Burkas verstecken, sprach der Kolumnist Yusuf Kanli. "So wird Gewalt gegen Frauen erst gerechtfertigt", sagte Kizbes Aydin, eine Frauenrechtlerin. "Mit Ausreden wie: Sie benutzte Parfüm, oder: Sie zog sich provozierend an."

Dass ausgerechnet die mächtige Religionsbehörde DIB hinter dem Absender steht, irritiert. Sie überwacht alle 80.000 Moscheen in der Türkei, bezahlt die Imame, schreibt sogar deren Freitagspredigten. Als noch von Atatürk eingerichtete Institution, um die Türkei von rückwärtsgewandtem Gedankengut zu befreien, ist sie eigentlich bekannt dafür, einen modernen Islam zu fördern. Ihr Präsident Ali Bardakoglu gilt als renommierter Reformtheologe. Er empfing 2006 den Papst, trotz dessen umstrittener Regensburger Rede, und forderte (...)

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