Wissenschaftler: Der Islam wird als Kultur untergehen

nachrichten.rp-online.de - 28 September 2010 - Von LOTHAR SCHRÖDER

"Der Islam hat bisher wenig vorzuweisen, was ihn befähigte, die techno- logischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Existenzbedingungen für die Menschheit des 21. Jahrhunderts kreativ fortzubilden." Lieber Herr Sarrazin, diese Leier kennen wir zu Genüge. Aber nein, hinter diesen Zeilen muss der ehemalige Bundesbanker als Autor zurücktreten und Peter Sloterdijk den Vortritt lassen. Der Philosoph aus Karlsruhe ist Urheber dieser Expertise von 2006.

Solche Aussagen haben eher den Wert einer intellektuellen Bestandsaufnahme, die noch der Auslegung bedarf. Das hat der Politologe, Islamwissenschaftler und Unesco-Mitarbeiter Hamed Abdel-Samad jetzt gründlich nachgeholt. Seiner Prognose fehlt es nicht an Eindeutigkeit: Der islamischen Welt, so Abdel-Samad, droht der Untergang.

An Indizien für solch düstere Vorhersage mangelt es nicht. Er führt in seinem neuen Buch vor allem die mittelalterliche Mentalität und deren Denkstrukturen an – wie Stammesbewusstsein, religiöse Herrschaftstreue, die Unterdrückung der Frau, eine ineffektive Bildung und eine verlogene Sexualmoral. In diesem System ist die islamische Welt erstarrt; sie verharrt im Stillstand, weil es ihr nie gelungen ist, so Abdel-Samad, eine Antwort auf den Konflikt zwischen Tradition und Moderne zu finden. Dazu gehört die buchstabengetreue Auslegung des Korans, in dem sich alles Wissenswerte finden soll. Diese Geisteshaltung aber leitete die Entfernung der Muslime vom westlichen Wissen und dem Fortschritt ein.

Hinzu kommt ein trügerisches Selbstbild: Die Muslime "sehen sich immer als Träger einer Hochkultur und können sich nicht damit abfinden, dass sie eine führende Position in der Welt längst verloren haben." Die Reaktion des Islams ist der Rückzug, der "kulturelle Inzest" und die Bereitschaft zum Widerstand. Nicht Sarrazin sei das Problem, sondern er sei nur "der Ausdruck davon, dass wir ein Problem haben", schreibt der gebürtige Ägypter, der in diesem Jahr in die Deutsche Islam-Konferenz berufen wurde. Sarrazin ist demnach der Überbringer der Botschaft: Die Isolation der islamischen Welt führe "zu strengen Kodexen, die in Autoaggression münden. Eine Kultur frisst sich von innen auf, bevor sie die Gewalt nach außen trägt."

Und weitere Probleme werden nach Meinung des Politologen in absehbarer Zeit folgen: Da ist zum einen das absehbare Ende der Erdölförderung in der arabischen Welt, zum anderen der Prozess zunehmender Individualisierung gerade bei jungen Muslimen.

Was bleibt? Hundert Jahre könnte es noch dauern, bis die Vorsprecher des Islams wieder "weniger durch Drohungen als durch Leistungen von sich reden machen". Das wiederum hat nicht Abdel-Samad geschrieben, sondern ebenfalls Peter Sloterdijk.

Info Hamed Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt". Verlag Droemer/Knaur, 240 Seiten, 18 Euro (...)

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